Es gibt sie noch – die Rentnerwagen!

Baujahr 1988, Vorbesitzer: zwei. Der zweite kaufte das Auto 1989 als Jahreswagen und fuhr es bis gerade eben – bzw seine Frau fuhr. (Das wird sich gleich noch rächen.)
75.000 mackenlose Kurzstreckenkilometer, zweiundzwanzig Jahre lang.

Vor einigen Wochen hatte Jean-Louis den Wagen besichtigt und angezahlt, am Donnerstag war ich wegen Schneewittchens Hauptuntersuchung eh in der Gegend. Kurzzeitkennzeichen hatte ich schon besorgt, Scheine auf den Küchentisch gelegt, Schilder ans Auto, auf geht’s.
Die Sitze sind ungewöhnlich straff und durchaus gut – kannte ich von BMW so nicht. Straff sind im e34 ja nur die Sportsitze, auf denen kann man dafür nicht sitzen, jedenfalls nicht lange. Hier hingegen, mit den Seriensitzen… bin ich angenehm überrascht. Fünfundsiebzigtausend Kilometer, erinnere ich mich selber, wahrscheinlich liegt es daran.

Beim wegfahren blamiere ich mich fürchterlich, die Kupplung ist tot, der zweite Gang ist nicht zu finden, mit viel Würgen und Krachen finde ich wenigstens den Dritten und bekomme das Auto gerade noch irgendwie in Fahrt, bevor mir der nachfolgende Verkehr ins Heck rauscht.
Das kann ja heiter werden…

An der Tanke fülle ich die Reifen auf autobahngerechte 2,3/2,5 bar – drin waren unter 2 bar, das scheint mir doch recht ungesund. Währenddessen läuft der m20 leise tickernd weiter. Erstens weiß ich nicht, wie fit die Batterie ist und habe auf den ADAC keine Lust. Sonderlich startwillig zeigte sich der Wagen nach dem Auffüllen jedenfalls nicht, da mag ich nichts riskieren. Zweitens mag ich nicht kalt mit ihm auf die Autobahn, denn der m20 ist da ein ziemliches Sensibelchen. Einem kalten Motor Drehzahl zu geben ist immer ungesund, aber grade der m20 ist dafür berüchtigt, daß er selbst eine einmalige Sünde mit gerissenem Zylinderkopf quittiert.
Schrieb ich eben leise tickernd? Nein, eigentlich nicht. Das ist kein Ventiltickern mehr, das ist Ventilscheppern.
Na Klasse, das kann ja heiter werden.

Die Autobahnauffahrt läßt sich hervorragend mit den Worten Bruno Saccos beim Anblick der berühmtenberüchtigten mimosengelben S-Klasse beschreiben: „Das hätte man nicht tuen dürfen.“
Drehmoment? Fehlanzeige. Drehzahl? Lieber nicht… Schließlich kennt dieser Wagen nur Stadtverkehr. Bloß nichts überstürzen!
Das heißt aber auch, daß der Wagen nicht vom Fleck kommt. Der e34 mag alt sein, er ist immer noch ein ausgewachsener Fünfer mit guten anderthalb Tonnen Leergewicht. Zwei Liter Hubraum sind dafür einfach zu wenig, vor allem, wenn sie sich auf sechs Zylinder verteilen. Mag sein, daß sie ungeheuer kultiviert sind – aber Vortrieb bringen sie keinen, solange man sie nicht ausdreht. Was ich gerade nicht darf. Noch nicht…

Meine Fürsorge – maximal 3000 Touren, also grob 110km/h – quittiert der Wagen dafür mit vehementem Durst. Unter 12 Liter fällt die Momentanverbrauchsanzeige eigentlich nur bergab. Na toll.

Bei Würzburg gönne ich mir eine Rast und kehre bei einem Vertreter der gehobenen amerikanischen Systemgastronomie ein. Eigentlich bin ich ja ziemlich stumpf und lebe in meinen Autos (nicht umsonst habe ich die Kunst des Knielenkens bei gleichzeitigem Burgerverzehr perfektioniert), hier jedoch mache ich tatsächlich Pause. Unverzeihlich, wenn diesem Innenraum etwas zustieße.
Bei der Auffahrt fällt auf, daß der zweite Gang mittlerweile doch wieder vorhanden ist. Schön, dann geht es dem Getriebe ja vielleicht doch nicht ganz so schlecht und die Kupplung scheint der hauptsächliche Übeltäter zu sein.

Im weiteren Fahrtverlauf versöhnt der Motor etwas – Drehmoment hat er immer noch keines (wie auch, das ist ein BMW, kein Saab), aber dafür nimmt er nach mittlerweile vierhundert Autobahnkilometern tatsächlich Gas an. Und gefühlt hat sich auch der Verbrauch beruhigt, denn als ich in München ankomme, sind noch zwanzig von ursprünglich achtzig Litern im Tank. Das wären knapp zehn Liter auf hundert Kilometer – bei sehr gemütlichen 110km/h. Sparsam ist anders, aber das ist halt der Preis dafür, wenn man einen hubraumlosen Reihensechser fahren möchte. Gut, komfortabel ist er, aber sonst… mein Fall ist ein 520 jedenfalls nicht.

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In München angekommen rangieren wir den Wagen noch etwas in der Tiefgarage. Und dann wird mir auf einmal klar, warum es diesen Motor gab: dieser Leerlauf! Dieser Klang! Ein seidenweiches Rauschen, und ganz sanft (jetzt wieder!) tickern Ventile und Kipphebel dazu den Rythmus.
So müssen sechs Zylinder klingen, genau so.

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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9 Antworten zu Es gibt sie noch – die Rentnerwagen!

  1. haukef schreibt:

    …. 6 Zylinder brauchen drei Liter und Platz fuer 190 Pferde, schieben einen Stern vor sich her und brabbeln sachte vor sich hin. Das Rauschen setzt erst ein, wenn sich das Gastgestänge bewegt…. Aber nett geschrieben. Und die Bilder…. die haben auch den Charme der sterbenden 1980er 🙂

    H.:)

  2. nARDA schreibt:

    Hallo,

    Sehr gut geschrieben. Selbst in E30 zieht der M20b20 keine Wurst vom Teller, aber der Sound und die Laufkultur sind legendär. Dennoch hätte ich lieber den M20B25!
    Viel Glück mit dem Sammlerstück!

    Gruß

  3. Pingback: In der Tiefgarage | Schneewittchensaab

  4. Philipp182 schreibt:

    Hi Bong!

    Wunderschön beschrieben und einen wirklich schönen Wagen hast du da gefunden!

    Weiter so!

    • turboseize schreibt:

      Danke.
      Ich bin aber nicht Jean-Louis, und gefunden habe ich den Wagen auch nicht, das hat er schon selber getan.
      Ich habe den Wagen nur für ihn überführt. 🙂

  5. Christine Leidner schreibt:

    Quatsch, an der Kupplung ist nichts auszusetzen. Der Wagen fährt sich problemlos, schade dass dass mein Bruder ihn verkauft hat…

  6. Pingback: Auto bis 1000€ Seite 10 : Ich brauch nochmal euren rat, was währe denn son BMW 520i e34 ...

  7. Pingback: Zum Ölwechseln mal eben nach Luxemburg – oder: wie man mit Youtube reich wird/werden könnte | Schneewittchensaab

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