Altes Auto im Alltag: Zwischenbilanz nach fünf Jahren und 209.000km

Nach fünf Jahren hat ein modernes Plastikauto seinen Leasingzyklus hinter sich gelassen und nähert sich in erster Gebrauchtkäuferhand mit schnellem Schritt dem Ende des Garantiezeitraumes – und damit auch bei einer im Regelfalle lächerlich geringen Laufleistung dem Ende seiner Lebenserwartung.
Ein mit über 300.000km in desolatem Zustand gekauftes Alteisen nähert sich dagegen ebenfalls nach Ablauf von fünf Jahren dem achtundzwanzigsten Jahrestag seiner Erstzulassung und hat auf dem Weg dahin die mythische halbe Million schon längst hinter sich gelassen.
Das legt eine Zwischenbilanz nahe. Von März 2008 bis Februar 2012 war dat Schneewittchen Alltagsauto, bevor es im Februar letzten Jahres von einer uckermärkischen Straße mit Servolenkungsdefekt kurzzeitig außer Gefecht gesetzt und das Kilometerfressen bis September von einem unschlagbar günstigen Fiat mit Opelmotor übernommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 900 schon über 190.000 km innerhalb von vier Jahren abgespult.

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Direkt nach dem Kauf im Februar 2008 kam der Wagen zur Grundinstandsetzung:
Windschutzscheibe mit Steinschlag austauschen, den falschen Kat gegen einen Euro-2-Metallkat austauschen, die vom Vorbesitzer verpfuschte Kopfdichtungsreparatur wieder geradebiegen, das Fahrwerk instandsetzen (neue Stoßdämpfer, Schubstrebenbuchsen etc) und auf europäischen Standard bringen (Stabilisatoren nachrüsten).
Danach kamen die Karosseriearbeiten, die sich auf ein paar briefmarkengroße Kleinigkeiten und eine Türunterkante beschränkten. Das alles war aber eingeplant und im Kaufpreis berücksichtigt, und ab März ging es dann endlich auf die Autobahn.
Dann war irgendwann mal ein Bremssattel fest und wurde getauscht, ein Marderbiß führte zu Kühlflüssigkeitsverlust und Überhitzung, die Wasserpumpe war mal undicht, das Thermostat kaputt und ein Lichtmaschinenkabel streikte._IGP5216
Bei Kilometerstand 410.000 riß ein defektes Steuergerät, das unter Ladedruck nicht mehr genug anreicherte einen Kolbenring im vierten Zylinder in den Tod. Der Rest des Motors wäre noch bedeutend länger gelaufen: der Kreuzschliff in den Bohrungen war noch vorhanden, es war keine Unebenheit in den oberen Totpunkt geschliffen, der Kettenspanner hatte noch Reserven usw… Dennoch wurde der Motor in einem Rundumschlag komplett neu aufgebaut. Block, Kopf, Kurbelwelle und Nockenwellen konnten wiederverwendet werden, der Abgaskrümmer und der Turbolader jedoch wurden wegen Rissen im Guß ausgetauscht. (Der Lader lief nach 410.000 km noch ohne Ölverlust, das Laufzeug war einwandfrei, lediglich das ausgeglühte und rissige Gehäuse erzwang den Austausch. Man vergleiche das mit Neuwagenfahrern, die schon auf den ersten 100.000km einen Lader kaputtfahren… vernünftige Ölwechselintervalle und verständige Bedienung zahlen sich aus.)
Die Abgasanlage kam neu, danach fuhr der Wagen erstmal wieder, hatte einmal ein kleines Elektronikproblem, fuhr weiter, nervte nach jeder Vollgasfahrt mit sich lösenden Turboverschraubungen, bis wir das endlich mit Muttern von BMW im Griff hatten und fuhr und fuhr und fuhr.
Immer weiter, bis bei 497.000km die Servolenkung den schon oben angesprochenen Feldweg nicht überlebte. Bei dieser Laufleistung waren die hinteren Stoßdämpfer (Bilstein B4) zu meiner Enttäuschung schon wieder verschlissen und wurden durch Konis ersetzt. Im nächsten Winter erneut ein marderinduzierter Kühlflüssigkeitsverlust mit Überhitzen, der den Fahrer eine Woche lang zur Nutzung eines vom ADAC zur Verfügung gestellten KdF-Familienkraftwagens zwang, aber außer einer Touran-Traumatisierung keine weiteren Schäden verursachte (story folgt).

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Derzeit steht der 900 wieder beim Schweißen, ein Antriebswellentunnel ist durch und der Kofferraumboden muß neu, dazu eine Schwellerspitze. Selbstverständlich hatten wir das Auto nach der Grundinstandsetzung konserviert und die Konservierung auch nach zwei Jahren wie empfohlen aufgefrischt, diese Empfehlung scheint aber von der durchschnittlichen deutschen Jahresfahrleistung von 15.000km abgeleitet zu sein. Sie wird bei Autos, die in einem einzigen Winter locker 25.000 bis 30.000km Salzmatsch mitmachen deutlich zu verkürzen sein.
Das wars’s. Gut, alle 10.000km in die Werkstatt zur Inspektion, aber das ist ja selbstverständlich.

Klingt nach Aufwand und Abenteuer? Jein. Auf fünf Jahre und deutlich über 200.000km ist das nicht viel.
Klingt teuer? War es auch, aber Leasingraten oder Wertverlust einer Plastikschüssel wären noch bedeutend höher.
Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall!

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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3 Antworten zu Altes Auto im Alltag: Zwischenbilanz nach fünf Jahren und 209.000km

  1. Hauke schreibt:

    … und bei einem anderen Alteisen hat sich nach 29einhalb Jahren eine Leckölleitung dazu durchgerungen, zu zerbröseln. An und für sich nach nicht mal 450 000 Kilometern ein unerhörtes Benehmen 😉 Ich vermute den Grund für dieses Aufmupfen im dauerhaften Eingesperrtsein in verschwiegenen Tiefgaragen mitten in einer grossen grossen grossen Stadt, anstatt munter Asphalt zu fressen. Schliesslich ist das ja ein Fahr- und kein Stehzeugs … Hmmmm.

    • turboseize schreibt:

      Und ein Mercedes. Die gehen ja bekanntlich vom Stehen und nicht vom Fahren kaputt. 😉

      Ich gehe davon aus, daß der Sportunimog die vom Schneewittchen erbrachte Leistung ebenso, wahrscheinlich sogar problemlos erfüllt hätte. Ich vermute allerdings auch, daß ich damit meinem Rücken gravierenden Schaden zugefügt hätte, Sitze bauen konnte Mercedes im Gegensatz zu Saab ja noch nie. Aber problemfrei gefahren wäre das Ding wohl…
      Dummerweise beschlossen unsere EU-hörigen sogenannten Volksvertreter vorher die unsäglichen Kommunistenzonen.

      Interessanterweise waren die Leckölleitungen das einzige, was am Sportunimog während der 80.000km meines Besitzes jemals des Austausches bedurfte. Bei mir aber nicht der Standzeit, sondern gepanschtem Sprit geschuldet. Wurden dann kurzerhand gegen RME-feste aus dem 124er-Taxiprogramm ausgetauscht und Termi baute die ESP auf Vitondichtungen um. Danach war der Wagen dann uneingeschränkt allstofftauglich.

  2. Pingback: Das dritte Leben | Schneewittchensaab

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