Plüschtierupdate: Osterausflug, Ganzjahresreifentest und Verbrauchsbetrachtungen

Vom EisSalz befreit sind Strom und BächeWeg‘ und Straße…
Ostern. Seit Weimarer Zeit ist bei strahlendstem Ostersonnenschein ein Osterausflug obligatorisch. Anstatt die Füße zu bemühen flaniert der moderne Mensch automobil. Bei strahlendstem Sonnenschein greift man natürlich auf das eigens für solche Ausflüge angeschaffte Spielzeug zurück: das Plüschtier. (Hier ein Archivbild vom Saisonauftakt der Arbeitsgruppe Fahrdynamik).

Photo: Uli aus München

Photo: Uli aus München

Man beachte das merkwürdige Reifenprofil. Ja, das hier:

Vredestein Qatrac 3

Vredestein Qatrac 3

Nein! Das ist doch nicht etwa… ein Ganzjahresreifen? Bei mir, der ich doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu echten Sommer- und vor Allem echten Winterreifen rate?
Doch, das ist einer. Und zwar ein Vredestein Quatrac 3. Aber wie kommt der aufs Auto? Und vor Allem: wie kommt der mir aufs Auto?
Das Plüschtier war bei Kauf, wie es in Anzeigen heißt, „achtfach bereift“. Auf Saab „US-turbo“ Leichtmetallfelgen ein Satz fast neuwertiger Effektreifen, auf den serienmäßigen Stahlfelgen unter glanzgedrehten Edelstahl-Radkappen (die die Form der Leichtmetallfelgen aufnehmen) eine Mischbereifung aus zwei halbabgefahrenen Uniroyal Sommer- und zwei fast neuen (kaum Profilverlust, die Gumminippel noch teilweise vorhanden) Ganzjahresreifen. Wenn ich eines nicht mag, dann sind es unberechenbare Reifen… Mischbereifungen sind selten gut.
Die Winterreifen zu fahren verbot sich angesichts des sehr vertrauenserweckenden Namens „Infinity“, der wohl vom zu erwartenden Bremsweg inspiriert war und vor Allem angesichts des österreichischen Winterreifentests. Außerdem sollte das Plüschtier ja eben kein Winterauto werden und eigentlich nur bei gutem Wetter aus der Garage.
Also galt es die Mischbereifung zu bereinigen. Der erste Impuls war, den Wagen rundum auf die Uniroyal zu stellen (zwar nicht mit diesem Modell, aber mit dem Vorgänger hatte ich auf dem Sportunimog gute Erfahrungen gemacht). Leider trugen die schon aufgezogenen Reifen nur den Geschwindigkeitsindex T, so daß ich den Reifensatz dann ausschließlich auf dem Plüschtier würde nutzen können – und nicht auf dem Schneewittchen auffahren könnte. Die Nutzung als alleiniges Spielzeug läßt keine großen Laufleistungen erwarten, so daß die Reifen aushärten würden bevor sie an die Profilgrenze kämen. Mit der Option, die Felgen umzustecken und dann in einem halben Sommer das Restprofil aufzubrauchen würde das deutlich wirtschaftlicher. Würde, denn es geht nicht. Geschwindigkeitsindex unterhalb der Höchstgeschwindigkeit ist bei Sommerreifen nicht nur verboten, sondern dazu noch eine richtig blöde Idee. Die Vredesteine als Ganzjahresreifen sind dagegen M+S-codiert, eine Nutzung auf dem deutlich schnelleren Schneewittchen wäre damit (Warnaufkleber im Cockpit vorausgesetzt) möglich…
Eine kurze Recherche trug zutage, daß es sich bei dem Quatrac 3 um einen Ganzjahresreifen alter Schule handele, der eindeutig sommerorientiert ausgelegt sei, für einen Ganzjahresreifen ein ganz manierliches Handling biete und das ganze mit eingeschränkter Schneetauglichkeit erkaufe. Und obwohl das Plüschtier Schönwetterspielzeug bleiben sollte wurden mir die Reifen plötzlich sympatisch, denn zum geplanten Einsatzgebiet würden wohl auch Alpenquerungen und, sofern die OHL zustimmt, auch eine Fahrt zum diesjährigen Intsaab nach Norwegen gehören. In beiden Fällen wäre nicht auszuschließen, daß man auf Paßfahrten im Gebirge auch im Sommerhalbjahr mit unsommerlichen Straßenverhältnissen konfrontiert werden könnte.
Die folgenden Ausfahrten fanden wie geplant immer bei angenehmem Wetter statt, wo die Vredesteine dann keinen so schlechten Eindruck hinterließen: das Einlenkverhalten auf trockener Straße ist recht spontan, der Grip erscheint ausreichend und nur auf Nässe neigt der Wagen bisweilen leicht zum untersteuern. Das sehr direkte Einlenkverhalten scheint der Reifen einer recht steifen Karkasse zu verdanken, und so kommen wir zu meinem hauptsächlichen Kritikpunkt: der Reifen rollt nicht besonders sanft ab sondern wirkt knochig und stoßig. Um ein halbwegs erträgliches Komfortniveau zu erzielen muß ich den Reifendruck gegenüber meinen gewohnten Michelin deutlich reduzieren.

Und dann kam Ostern – mit drei Jahreszeiten in zehn Minuten.
Losgefahren bei strahlendstem Sonnenschein, dann ein leichter Schauer, dunkle Wolken und Nachmittagssonne. Ein grandioses Licht, das einen an romantische Gemälde toskanischer Landschaften erinnert. (Kein Bild, ich war zu sehr damit beschäftigt, die Fahrt zu genießen.) Über eine Kuppe, Einfahrt in ein Waldgebiet, und plötzlich ist alles weiß.

Photo: Alexander Fuhrmann

Photo: Alexander Fuhrmann

Der Schnee schmilzt schnell, aber er fällt so dicht, daß die Fahrbahn weiß bedeckt bleibt. Die Straßen sind leer und so nutze ich die Chance, den Reifen mit einer Vollbremsung etwas an seine Grenzen zu treiben. Er greift überraschend gut und blockiert viel später als auf diesem Gleitfilm aus schmelzendem, nassen Neuschnee zu erwarten. Auch das anschließende kräftige Beschleunigen geht ohne viel Aufhebens vonstatten (wobei hier sicherlich mitgeholfen haben dürfte, daß gefühlt die Hälfte der vom Motor abgegeben Leistung im Wandler versumpft). Von Aquaplaning bei Landstraßengeschwindigkeiten keine Spur, auch nicht bei dieser fiesestmöglichen Pampe.
Wie sich der Wagen auf festem Schnee und Eis verhält läßt sich so natürlich nicht beurteilen. Das ist aber egal, denn wirklichen Winterbetrieb wird der Wagen nie erleben. Bei alpinen Wetterumschwüngen allerdings scheint der Reifen zu halten, was ich mir von ihm versprochen habe.

Photo: Alexander Fuhrmann

Photo: Alexander Fuhrmann

Ad tertiam: zum Verbrauch. (Der Text zieht durch.)
Der Wagen scheint mir etwas sparsamer geworden zu sein, er scheint auch durch das fleißige Ölwechseln und freifahren etwas Leistung und Kompression zurückgewonnen zu haben. Es deutet sich an, daß der Wagen im Stadtverkehr (außerhalb der rush-hour) sparsamer sein dürfte, als bei Autobahnrichtgeschwindigkeit; der sweet spot aus Vorwärtskommen, Lärm und Verbrauch scheint sich bei Überführungsfahrten bei ca 105km/h zu befinden. Auf der Rückfahrt ins Hauptwrack ist es mir so gelungen, den Verbrauch auf 9,2 Liter zu drücken. Ein grotesker Wert, wenn man bedenkt, daß ein 900 mit Schaltgetriebe bei gleichem Tempo an der sieben-Liter-Marke kratzt.

Jetzt geht es zurück in die Garage; das geneigte Publikum wird den Wagen voraussichtlich zum nächsten Mal anläßlich der Oldtimertage Berlin/Brandenburg bestaunen können – so die OHL die Teilnahme genehmigt.

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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2 Antworten zu Plüschtierupdate: Osterausflug, Ganzjahresreifentest und Verbrauchsbetrachtungen

  1. turboseize schreibt:

    Nachtrag zu den Reifen: siesind nur grotesk unkomfortabel. Bei 2.0 bar fühlen sie sich holziger an als die Michelin Alpin A4 mit 2,6 bar…

  2. Pingback: Winterreifen? Sommerreifen? Regenreifen! | Schneewittchensaab

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