Aller guten Dinge sind drei.

Ja, ich gebe zu, der Plan war ambitioniert und das Vorhaben durchaus sportlich. Andererseits: was sind schon 1200km pro Tag? Daß ein simpler Inspektionstermin und eine Überführungsfahrt derart eskalieren könnten konnte ich mir auch nicht vorstellen. Aber der Reihe nach.

Die Ausgangslage: Das Plüschtier steht in Sankt Augustin bei HFT, wo gerade der Anlasser getauscht und ein neuer Wasserkühler verbaut wurde, nachdem der Wagen am Obersalzberg beinahe überhitzt war und er am Eibsee nur durch „percussive maintenance“ zum Starten überredet werden konnte. Dat Schneewittchen hatte auf der Istrienfahrt (folgt!) die Marke von 550.000km überschritten und bedurfte daher einer kleinen Inspektion. Das Plüschtier soll zurück in seine konspirative Berliner Tiefgarage, das Schneewittchen wird (mit Fahrer) in München gebraucht. Sagt die OHL.

Entschluß: Mit Schneewittchen nach Sankt Augustin, dort Tausch gegen das Plüschtier. Mit dem Plüschtier weiter nach Berlin. Schlafen. Am nächsten Morgen Plüschtier waschen und garagieren, dann mit einer Mitfahrgelegenheit ins Rheinland. Schneewittchen frisch ölgewechselt und inspiziert übernehmen, Rückmarsch nach München.

Die erste Etappe verlief auch fast nach Plan. Die Vollsperrung auf der A3 machte sich zum Glück gerade rechzeitig dadurch bemerkbar, daß Google mir (500 Meter vor der Abfahrt am Seligenstädter Dreieck!) den Umweg über A45 und B49 vorschlug. Aus den „2 Minuten schneller“ wurden schnell „2h schneller“, wie ich im Radio (das zufälligerweise einen Sender fand) hörte soll der Stau auf der A3 zwischenzeitlich bis zu 18km lang gewesen sein. Mit gerade einmal 50 umleitungsbedingten Minuten Verspätung erreichte ich Sankt Augustin, quatschte mich dort, wie üblich, wieder eine Stunde fest (eine halbe Stunde hatte ich eingeplant…), entnahm eine Motorölprobe (näheres folgt), machte eine Mitfahrgelegenheit für den Folgetag zum Wunschzeitpunkt fest und fuhr dann mit dem Plüschtier gen Berlin. Zumindest das ging ohne besondere Vorkommnise vonstatten.

Geweckt wurde ich allerdings unsaft von einer sms, mit der die Fahrerin gesundheitsbedingte Zweifel an ihrer Fahrtüchtigkeit äußerte und um Rückruf bat. Schnell war klar: das wird in der Tat nichts mehr. Einige hektische Telephonate später hatte ich dann noch etwas gefunden. Jetzt wurde es aber enger: mit einem Eintreffen an der Werkstatt war nicht mehr vor 18:00 Uhr zu rechnen. Jetzt durfte nichts mehr schiefgehen.
Leichte Bedenken hatte ich auch ob des Fahrzeuges – ein Opel Corsa B Corsa C, vollbesetzt mit vier Personen. Die Bedenken ob des Platzangebotes erwiesen sich als unbegründet, selbst als ein-meter-neunzig-Klotz mit dreistelligem Kampfgewicht ließ es sich auf der Rückbank noch leidlich aushalten. Dafür machte mir aber etwas anderes Angst: unsere eigentlich sehr nette blonde Fahrerin V. fragte mich, ob ich nicht für sie den Luftdruck prüfen könnte. Manche Klischees existieren offensichtlich nicht ohne Grund. Meine sich in diesem Moment verdüsternden Vorahnungen wurden bestätigt, als ich auf meine reflexartig geäußerte Frage, wann sie denn das letzte Mal nach dem Öl gesehen habe, die Antwort erhielt „Wieso denn? Der war doch neulich erst zur Inspektion“. Und wann das gewesen sei? „Anfang des Jahres erst.“ Der Luftdruck war für eine vollbesetzte Autobahnfahrt in der Tat etwas niedrig (für Berliner Straßen jedoch angemessen), das Öl auch unauffällig. Wobei statt unauffällig unauffindbar das bessere Wort wäre: der Peilstab war knochentrocken. Die Fahrerin wurde kreidebleich, verschwand im Tankstellenshop und kehrte nach der Ausgabe von 34 Doppelmark für einen Liter Dexos II zum Fahrzeug zurück. Damit gelangte der Ölstand zumindest zurück über die Nachweisgrenze.

Die Fahrt verlief zunächst weitgehend unauffällig, V. fuhr durchaus flott, aber vorausschauend und sicher. Während sie mit ihrem Wartungsverhalten das erste Klischee über blonde Frauen in Kleinwagen bestätigt hatte zerstörte sie auf der Autobahn das zweite: so umsichtige Spurwechsel mit dermaßen vorbildlichen Schulterblicken sind selten. Selten habe ich mich in einem Kleinwagen so sicher gefühlt. Ihr Autofahrer aller Länder, nehmt Euch ein Beispiel an dieser Frau!

Bei Bielefeld allerdings kamen wir zum Stillstand. Die A2 war komplett gesperrt, bis zur nächsten Abfahrt brauchten wir fast zwei Stunden. Jetzt war klar: wir haben ein Problem. Bei HFT würde ich nur nach Ende der Geschäftszeiten eintreffen. Aber das sei nicht so schlimm, hieß es am Telephon, A. wolle nach der Arbeit noch etwas an seinem Privatwagen richten, solange es nicht mitten in der Nacht würde sei das alles kein Problem.
Ausweichen nach Süden über A33, B1 und L776. Bei der Anfahrt zur Autobahnauffahrt auf die A44 tritt unsere Fahrerin plötzlich ins Leere. Die Kupplung widerstands- und gefühllos, kein Gang läßt sich mehr einlegen. Wir rollen auf der Sperrfläche vor dem Kreisverkehr aus und richten uns dort häuslich ein. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß der Abschleppwagen mehr als eine Stunde brauchen wird, aber die Ausssage der ADAC-Telephondame (die übrigens mit der genauer kaum leistbaren Positionsmeldung „L776 an der Auffahrt zur A44“ nichts anzufangen wußte und damit die Fahrerin fast in den Wahnsinn trieb), es könne etwas dauern, ließ uns nichts gutes erwarten.

Vor dem Motorschaden konnte ich das Dreizylinderchen noch bewahren, gegen die Kupplungshydraulik war ich machtlos.

Vor dem Motorschaden konnte ich das Dreizylinderchen noch bewahren, gegen die Kupplungshydraulik war ich allerdings machtlos.

Der Bremsflüssigkeitsbehälter ist uneinsehbar unter einer Abdeckung verbaut, aber die Bremsenwarnleuchte leuchtet. Die Kupplungsleitung ist trocken, die Bremsleitungen auch… aber dann bildet sich unter der Getriebeglocke eine Pfütze. Alles klar, der Nehmerzylinder. Diese Erkenntnis hilft uns aber auch nicht weiter. Nach einer Ewigkeit kommt der Abschleppwagen, den Rest des Weges legen wir huckepack zurück. Immerhin gewinne ich so die Erkenntnis, daß ein Opel-gelabelter Abschleppwagen („in Echt“ wahrscheinlich ein Fiat oder Iveco?) zu ganz beachtlichen Kurvengeschwindigkeiten in der Lage ist. In Köln erwirb der Vater unserer Fahrerin unschätzbare Verdienste als Taxifahrer, indem er die Mitfahrerin zum Hauptbahnhof und und mich und einen weiteren Mitfahrer nach Sankt Augustin bringt. Als ich meinen 900 übernehmen kann ist es 23:00 Uhr. A. hatte für sich selbst Rufbereitschaft angeordnet und war lange nach Feierabend noch einmal zur Werkstatt gefahren, nur um mir den Schlüssel zu geben! A., falls Du das liest: Wenn ich es zur nächsten Inspektion pünktlich zur Mittagszeit schaffe geht Deine Pizza definitiv auf mich.

Da ich den Großteil des Weges dösend verbracht hatte fühlte ich mich trotz vorgerückter Stunde noch fit genug zum fahren. Deshalb hatte ich auch den anderen Mitfahrer mitgenommen: den nach Koblenz zu bringen ersparte ihm eine Übernachtung zum Bahnhof, und so groß war der Umweg ja nicht. Beim Tanken noch einen Kaffee nachgefüllt, und nichts konnte mich aufhalten. Dachte ich.

Bis Rheinböllen kam ich. Dann war der Kaffee verbraucht. Kurze Rechnung: mit Vollgas durchfahren und in grob zweieinalb Stunden zuhause sein kostet mindestens eine Tankfüllung mehr. Da wäre das Motel billiger. Und weit weniger anstrengend. Und sicherer.

Der nächste Tag begann entspannt bei einem reichhaltigen Frühstück und setzte sich genauso entspannt fort. Mäßiger Verkehr, erstaunlich gutes Durchkommen, auch auf der A8. Nach dem Mittagsessen bei einer amerikanischen Bulettenbraterei in Pforzheim blinkt mich beim Hochbeschleunigen auf der Autobahn plötzlich die Ladekontrolleuchte grell an – und verlöscht nach einer Sekunde wieder. Davon etwas beunruhigt beobachte ich sie auf den folgenden Kilometern. Sie glimmt, ganz leicht, nur wahrnehmbar, wenn man mit der Hand das Kombiinstrument verdunkelt. Das Glimmen wird bergauf stärker und im Schiebebetrieb schwächer, bei eingeschalteten Lichern stärker und bei ausgeschalteten schwächer. Alles klar, der Lichtmaschinenregler. Das hatte ich schonmal. Andererseits ist die Lichtmaschine neu, gerade mal 40.000km alt, die Kohlen des Reglers dürften also auch nicht älter sein.
Alle Verbraucher ausschalten und mit mäßiger Fahrt weitertasten. Bei Stuttgart ist das Glimmen der Ladekontrolleuchte auch ohne vorgehaltene Hand sichtbar, beim nächsten Autohof fahre ich ab. In einer Baustelle stromlos liegenzubleiben möchte ich mir und dem nachfolgenden Verkehr ersparen.

Gleichstand!

Gleichstand!

Ich erfahre, daß es 500m entfernt einen ehemaligen Boschdienst gäbe, aber die Batterie ist schon zu schwach, um den Wagen wieder zu starten. Also rufe ich den ADAC. Der braucht wieder eine knappe Stunde, schickt statt des Servicemobils gleich den Abschlepper und stellt den Wagen zu ATU. Die haben zum Glück einen Lichtmaschinenregler da und (nach einer weiteren Stunde Wartezeit) auch Kapazitäten frei, und der dem Wagen zugewiesene Mechaniker hat tatsächlich bei Saab gelernt. Aber bevor er den Lichtmaschinenregler ausbaut hat er schon den Kabelschuh des Pluskabels in der Hand. Sauber durchgefault. Mir dämmert: sowas hatte ich ja schon einmal. Vor einhunderfünzigtaused Kilometern hatte das Massekabel das gleiche Schicksal ereilt. Man bastelt mir einen neuen Kabelschuh, die Lichtmaschine lädt brav und es kann weitergehen. Fündunddreißig Minuten und achtundfünfzig Doppelmark berechnet man mir dafür.

Mit einundzwanzigstündiger Verspätung bin ich dann endlich wieder zu Hause. Mir fällt auf: jetzt hat jedes meiner drei Autos in diesem Jahr einmal einen Ensatz der Gelben Engel verursacht. Gleichstand in der Fahrzeugwertung. In der vorläufigen Fahrerwertung der Arbeitsgruppe Fahrdynamik führe ich jetzt mit drei Punkten, vor dem zweitplazierten (2 Punkte). Den dritten Platz teilen sich mehrere. Vorläufig ist die Fahrerwertung deshalb, weil noch unklar ist, ob C. außerhalb Konkurrenz startet oder gewertet wird – immerhin fährt der einen Engländer.

Dem geneigten Leser wünsche ich eine gute Reise.


PS: Ich empfehle, immer eine Dose Nachfüllöl im Auto zur Hand zu haben. Für aus eigener Erfahrung empfehlenswert halte ich www.oeldepot24.de (Berliner können auch bei TE-Taxiteile kaufen). Unsere Fahrerin V. hätte dann für den Liter Dexos-2 statt 34 nur grob 5€ bezahlt…

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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7 Antworten zu Aller guten Dinge sind drei.

  1. elsch schreibt:

    Der abgebildete mintsilberne Corsa ist ein spätes Exemplar der dritten Baureihe (ab MY 04); der üblichen Opel-Nomenklatur nach entspricht dies einem C.
    Die Transporter mit dem Opel-Logo kommen seit etwas mehr als einem Jahrzehnt eigentlich aus dem Hause Renault (Trafic oder Master). Neueste Ausnahme von dieser Regel ist der kleine Combo, der als Fiat Doblò geboren wurde.

  2. Pingback: Goldene Kundenkarte | Schneewittchensaab

  3. Sandmann schreibt:

    Ay Saabfahrer 🙂

    mit ATU hattest du aber Glück. Ich selbst wäre direkt aus dem ADAC ausgetreten, wenn die mich bei ATU geparkt hätten. Ich hatte da nicht so schöne Erlebnisse: http://www.sandmanns-welt.de/a-t-u-weigert-sich/
    Ich wünsch dir allzeit eine handbreit Strom unter dem Pluskabel 😉

    Sandmann

  4. Pingback: Schon lange nichts mehr kaputtgegangen… | Schneewittchensaab

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