Ein Plüschsofa aus Luxemburg

Ein Luxemburger Plüschsofa entwickelt sich gerade zur ebay-Attraktion. Um den Tenor des Artikels vorwegzunehmen: der Wagen hätte einen Käufer verdient.

Er gehört (noch) meinem Luxemburger Saabfreund L., in dessen Garage letzten Sommer der Probelauf zu meiner nicht erfolgten Karriere als Youtube-Star stattfand.

Gestatten: Kirby.  Rosa, große Klappe und schluckt alles...

Gestatten: Kirby.
Rosa, große Klappe und schluckt alles…

L. lief der Wagen zu, so wie das jedem Autoliebhaber gelegentlich passiert. Ersteigert für „dreimal nix“ in der Bucht, ohne große Erwartungen, weil ihm die Farben so gefielen. Einfach so. (Ich kann das gut nachvollziehen.) Wider erwarten entpuppte sich der Wagen dann als substanziell recht gut, so daß sich L. dann daran machte, ihm die Flausen auszutreiben. Grundwartung, eine gründlichste Innenreinigung, Umrüstung der Klimaanlage auf das nicht ganz so böse r134a, Nachrüstung eines originalen Tempomaten. Dann begann er, die Fensterheber zu elektrifizieren, bis jetzt ist schon der Schalterblock mit allen vier Schaltern verbaut und die Fahrertür elektrifiziert. Man könnte daran anknüpfen oder es so lassen oder wieder zurückrüsten. Ein 9000 mit Fensterkurbeln dürfte unfaßbar selten sein. (Allerdings sind die Kurbeln im 9000 auch unfaßbar häßlich; daß man das nicht so lassen will findet mein vollstes Verständnis. Charmant, weil ungewöhnlich sind beispielsweise die Fensterkurbeln in 99, 900 und 90, wirklich hübsch dagegen in alten Mercedes wie dem w123 – aber dieses uninspirierte Plastikgeraffel im 9000 geht gar nicht. Das Ding könnte auch von VW sein. Geht gar nicht. Aber ich wiederhole mich.)

Dann war er mit dem Wagen in Skandinavien. (Das Pflichtprogramm, was jeder Saabfahrer mit jedem seiner Autos einmal machen muß eben.)

Warum verkauft L. den Wagen jetzt? L. ist faul. (Auch das findet des Verfassers volles Verständnis). Er ist in den Staaten auf den Geschmack gekommen: Automatikgetriebe haben ja doch irgendwas. Und Automatisch schalten kann Kirby nicht. Deshalb soll er einem noch zu bestimmenden Automaten weichen.

Kirby kann aber einiges anderes, was seinen zukünftigen Besitzer erfreuen wird:

1.) Gut aussehen. Rosenquarz – bokhararotes Plüsch. Gibt es eine noch geilere Farbkombination? (Ja, gibt es: goldmetallic mit braunem Plüsch. Aber finde das mal.)

2.) Zuverlässig fahren. Das ist ein b202. Sauger. Schon als Turbo laufen die gerne mal vierhunderttausend Kilometer ohne Murren durch, bevor man mal darüber nachdenkt, ob man nicht langsam prophylaktisch die Lagerschalen machen könnte. Als Sauger ist das Teil eigentlich nur mit grober Gewaltanwendung umzubringen. Das dürfte einer der langlebigsten Motoren der Welt sein. Und da dem Sauger der brachiale Drehmomentberg der Turbos fehlt sollten auch die Antriebswellen und das Getriebe deutlich länger halten.

3.) Ausreichend motorisiert sein. Ja, es ist ein Sauger. Ja, es ist der „kleine“ Sauger, und ja, er hat nur 126 Pferde. Andererseits: Das sind 126 PS auf gerade mal ~1250kg Fahrzeuggewicht. Das ist auch nach heutigen Maßstäben noch ganz ordentlich motorisiert. „Lahm“ kann man das nur nennen, wenn man durch Saabturbos verwöhnt verdorben ist.

4.) Komfortabel sein. Der Claim der deutschsprachigen zeitgenössischen Saabwerbung war „auf langen Strecken zu Hause.“ Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: selten war eine Werbung wahrheitsgetreuer. Die Definition des 9000er-Fahrens ist, nach 800km durch die Nacht am Ziel noch ein paar Minuten im Auto sitzen zu bleiben, die harmonisch-grüne Armaturenbeleuchtung auf sich wirken zu lassen und zu bedauern, daß man jetzt aussteigen muß.
Saabsitze waren immer vorbildlich, und L. hat den Wagen mit dem Tempomaten ja auch dankenswerterweise wirklich langstreckentauglich gemacht.

5.) Sparsam und umweltfreundlich sein. Der 9000 hat schon eine ganz brauchbare Aerodynamik (Cw 0,32) und er wiegt nach heutigen Maßstäben nichts. Fünf Personen und Gepäck verbrauchen bei tempomatierten 120 km/h auf der Langstrecke gerade mal 8 Liter auf hundert Kilometer. Wer es wirklich wissen will kann auch eine niedrige sechs vors Komma zaubern. Klar, im Stadtverkehr wird’s zweistellig, aber das ist nunmal ein Benziner. Tröstet Euch damit, daß die katalysierten Abgase anders als moderne Diesel niemanden um Lunge, Leben oder Gesundheit bringen.

6.) Praktisch sein. Die Heckklappe ist riesig, die Ladekante niedrig und der Kofferraum geräumig. Das Auto schluckt mehr als so mancher moderne Kombi (und heißt nur Combi-Coupé). 625 Liter gehen rein, bei umgeklappter Rückbank sind es sogar 1600. Außerdem hat man dann eine 1,8m lange, ebene Ladefläche. Auch daran scheitern viele moderne Kombis.

7.) Selten sein. Wann habt ihr das letzte Mal einen frühen 9000 auf der Straße gesehen? Saabs an sich sind ja schon alles andere als Massenware, aber was sieht man noch? Auf den Straßen späte 9000 und mehrere Generationen Vectra-Derivate, die im Alltag aufgebraucht werden. Auf Treffen schnieke Cabrios, schwarze 900 Turbo 16S und schwarze 9000 Aeros. Seltener als ein früher 9000 dürfte nur noch die Sonett I sein.

8.) Nächstes Jahr ein H-kennzeichen tragen. Kirby ist ein Modelljahr ’88, wurde aber schon 1987 erstzugelassen. (Bei Saab wechselt das Modelljahr immer im September des Vorjahres.)

9.) Strukturell gesund sein. Ja, zwei Türen sind etwas unschön angenagt, aber das ist beim 9000CC nun wirklich nichts ungewöhnliches. Wichtiger ist, daß die Karosse selbst strukturell gesund ist. Frühe 9000 können nämlich ganz böse gammeln, wie ich bei Veronica selber leidvoll erfahren durfte. Kirbys Stoßdämpferaufnahmen sehen aus wie neu! Daß die hinteren Radläufe vor dem nächsten Winter etwas Plege bedürfen ist da beinahe irrelevant. Und es gäbe ja zwei gesunde Türen dazu, die man lediglich lackieren und einbauen müßte.

Wer ein außergewöhnliches Auto mit überschaubarem finanziellen Risiko sucht, das man wahlweise in der klimatisierten Garage verhätscheln oder (nach Konservierung) im Alltag fahren kann, der sollte, nein, der muß hier zugreifen.

Zum Abschluß: Bilder. Viele Bilder.

Disclaimer: Der Autor wird im Verkaufsfalle an einen Blogleser vom Verkäufer mit selbstangebautem und -gekeltertem Wein versorgt. Insofern ist er also befangen…

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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3 Antworten zu Ein Plüschsofa aus Luxemburg

  1. golf1cabriolet schreibt:

    Sehr schöne Farbkombi….warum ist nur bei meinem 900 nicht der Amaturenträger auch so schön rot. Ich hoffe er kommt in gute Saab Hände.

  2. Pingback: Fuhrparkumbau: 9000 geht… | Schneewittchensaab

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