Das richtige Auto für Fahranfänger

Ja, das meine ich ernst.

Ja, das meine ich ernst.

Im weltbesten Saabforum entspann sich – mal wieder – eine Diskussion darum, ob man einem Fahranfänger einen 9-5 aero in die Hand drücken solle.

User djumpen schrieb

Ansonsten würde ich im Hinblick auf Fahranfänger auch nochmal einbringen, dass ein 9-5 sicher sicher ist, jedoch auch schon verdammt groß am Anfang. Einerseits gewöhnt man sich natürlich daran, andererseits bringt einen so ein 9-3 (weil vor Allem schmaler) beim Einparken doch weniger ins schwitzen. Weiterhin gibt es den mit entspanntem Sauger-Motor (niedrigere Folgekosten) und sicher und solide ist er ebenfalls.

Darauf mußte ich natürlich anspringen.

Wie leicht ein Auto einzuparken ist hängt nicht von dessen Größe ab. Es ist davon sogar völlig unabhägig. Wichtig ist ein möglichst geringer Wendekreis, eine vernünftige Übersichtlichkeit (große Fensterflächen!), sowie eine möglichst parallel zum Boden verlaufende Fensterlinie. Wenn man das jeweilige Ende von Motorhaube und Kofferaumdeckel erahnen kann ist das auch hilfreich. Für ein kleines, schmales Auto wird sich schneller eine Parklücke finden lassen, in die das Auto rein physikalisch hereinpaßt; ob man in diese Lücke dann jedoch auch einfach herein- und wieder aus ihr herauskommt ist eine ganz andere Sache. Damit, dat Schneewittchen einzuparken tue ich mich nach fast 8 Jahren und 260.000km immer noch schwerer als nach der ersten Woche mit dem Klimawandler – und das, obwohl der 900 gefühlt nur halb so groß und breit ist.
Ich kann mir auch hier nicht den Verweis auf die äußerst amüsante Begebenheit verkneifen, als meine Beinahe-Schwägerin ihren Twingo I nicht in eine Parklücke bekam, in die ich den Sportunimog einfach so reinstellen konnte. (Gut, „einfach so“ ist übertrieben. Ich habe genau 37 Züge gebraucht. Aber es ging – und ich hatte keine andere Wahl. Auf „Das machst Du nie!“ ist man als Mann ja gesetzlich verpflichtet mit dem Beweis des Gegenteils zu reagieren. Zur Ehrenrettung der Beinahe-Schwägerin sei angemerkt, daß ich am nächsten Tage dieselbe Parklücke noch einmal mit dem Twingo versucht habe – und ebenfalls gescheitert bin.)

Wenn es um leichtes einparken geht schlägt nichts einen alten 80er-Jahre-Hecktriebler. Alter Benz, alter Volvo, alter BMW. Dank Standardantrieb lassen sich die Vorderräder sehr weit einschlagen, der Wendekreis ist also wesentlich geringer als man denkt. Ein w123 hat einen kleineren Wendekreis als so mancher Kleinwagen!
Die kantige Karosse ermöglicht es, das Ende des Fahrzeuges nicht nur zu schätzen, sondern zu sehen. Die niedrige, parallel zum Boden verlaufende Fensterlinie erlaubt es, auch noch etwas vom Parkplatznachbarn zu sehen. (In einem neuen Kleinwagen mit sportlich ansteigender Fensterlinie und Schießscharte im Heck weiß ich zwar auch, wo mein Auto endet, aber wenn ich vom Hintermann nur noch die Windschutzscheibenoberkante sehe muß ich halt raten, wo dessen Front beginnt.) Wenn die Fensterlinie parallel zum Boden verläuft steht man auch intuitiv gerade in seiner Parklücke. Man hat ja oft eine zweite gerade Linie im Blickfeld: Den Bürgersteig, die Fußlinie eines Hauses neben der Straße, eine Plakatwand etc. Richtet man jetzt intuitiv seine Fenster parallel zu diesen Linien aus, so wird man auch in der Parklücke gerade stehen. Steigt die Fensterlinie an oder ist sie gebogen, dann funktioniert das nicht mehr.

In eine andere Richtung gingen zwei Beiträge:

THSaab schrieb:

Von Vater zu Vater: Der Wagen ist auf jeden Fall sicher und komfortabel, aber es ist ein recht starker Turbomotor! Im ersten Moment passiert beim Tritt aufs Gas nicht viel, man gibt stärker Gas und erschrickt, weil der Turbo dann doch plötzlich einsetzt. Für Fahranfänger mit SEHR viel Vorsicht zu genießen.

SAAB-Tigger schloß sich an:

einem 18 Jährigen würd ich aber keinen Aero in die Hand drücken, du kennst deinen Sohn selbst am besten!

Und warum würde man das nicht? Angst vor der Motorleistung? Daß ein Fahranfänger kein leistungsstarkes Auto in die Finger bekommen solle, diese Meinung hält sich ziemlich hartnäckig. Sie ist aber völlig unbegründet. Denn um sich oder andere totzufahren reicht auch eine winzige Klapperkiste mit 50 PS. Die wird auch schnell genug, daß man sich damit auf einer Landstraße tödlich um einen Alleebaum wickeln oder in den Gegenverkehr einschlagen kann. Und um einen Fußgänger in der Stadt umzubringen reichen 50km/h auch locker aus.
Aus eigener Erfahrung und Beobachtung empfehle ich daher das absolute Gegenteil: das beste Auto für einen Fahranfänger ist ein angemessen dick benzinmotorisiertes Schlachtschiff, dessen Wartungs- und Kraftstoffkosten der Fahranfänger selber zu tragen hat.

Denn wie wir autofahren wird tatsächlich vom Auto beeinflußt, beziehungsweise davon, wie wir uns fühlen. Wer sich nicht wohl fühlt, ängstlich und angespannt ist, sich von anderen Verkehrsteilnehmern bedrängt fühlt, der wird deutlich schlechter fahren als der Fahrer, der sich wohl fühlt und mit sich, seinem Auto und dem Rest der Welt im Reinen ist. Wie ausgeprägt dieser Effekt ist ist wohl von Mensch zu Mensch verschieden, aber der Wirkmechanismus wird wohl nicht bestritten werden können. Zur Verdeutlichung stelle man sich jetzt folgendes vor:
a) Man sitz in einem niedrigmotorisierten Kleinwagen. Graues, häßliches Hartplastik, alles fühlt sich fragil an. Auffahren auf die Autobahn wird zum Abenteuer, den Nähmaschinenmotor jagt man in den Begrenzer und schafft es dann am Ende des Beschleunigungsstreifens gerade so zwischen zwei Lkw, wobei der hintere immer noch schneller ist als man selbst, vom Gas gehen muß und das mit dem Aufblenden seiner acht Zusatzscheinwerfer und ohrenbetäubender Hupe quittiert. Dann hockt man zwischen zwei 40-Tonnern eingepfercht auf der rechten Spur und kommt da nicht mehr raus, denn um in die Lücken auf der Mittelspur zu springen reicht die Leistung nicht aus. Von 90 auf 130 dauert zwei Ewigkeiten… Zum Glück nur noch drei Abfahrten, dann gehts runter von der Autobahn und auf die Landstraße. Im Mittelgebirge muß man jeden Gang ausdrehen, trotzdem klappen manchmal die Anschlüsse nicht, weil man beim schalten soviel Geschwindigkeit verliert daß man im nächsten Gang verhungert. Geschafft, wir sind oben. Und jetzt ist da noch dieser Scheißtraktor vor einem. Zum Glück kommt gleich eine kurze Gerade…
b) Endlich fertig! Das hatte ja wieder ewig gedauert. Jetzt nichts wie weg hier. Ah, da vorne steht der Wagen. Irgendwie ist diese Form ja doch zeitlos. Lautlos gleiten die Pinnökel der pneumatischen Zentralverriegelung nach oben. Man läßt sich in weiches Leder fallen und zieht die Tür zu. Aus unerfindlichen Gründen drängt sich kurz das Bild einer zuschwingenden Tresortür auf, aber der Gedanke verfliegt wieder. Es riecht nach Leder und Holz. Willkommen zu Hause. Der Blick schweift über das Armaturenbrett, streift die Schrankwand aus Wurzelholz, gleitet kurz über die ledernen Türverkleidungen und schwingt sich zur Motorhaube auf. Da vorne, ewig weit, strahlt der Stern.
Ausatmen. Der Achtzylinder erwacht mit einem kräftigen Fauchen zum Leben und rauscht ein paar Sekunden mit leicht erhöhter Leerlaufdrehzahl, um dann fast unhörbar leise vor sich hin zu säuseln. Mit dem charakteristischen Wubbeldubb, das nur Wählhebel und Kulisse eines alten Mercedes zustandebringen ist die Fahrstufe D eingelegt. Wenn man den Fuß von der Bremse nimmt, rollt der Wagen ganz sanft an…

Ich ertappe mich heute noch dabei, wenn ich ausnahmsweise mal den Nissan Micra K11 meiner Mutter bewege, damit trotz meiner mittlerweile gut 700.000km Fahrpraxis genauso zu fahren wie der typische Fahranfänger. Zum anderen hatte ich mir als Fahranfänger einen 900 turbo 16S gekauft (175PS auf ~1300kg waren damals noch eine Ansage…) und war damit offenbar so gesittet unterwegs, daß der Job des Wochenendausgehtaxifahrers immer an mir hängenblieb. Und niemals war ich langsamer und zuvorkommender im Straßenverkehr unterwegs als mit dem Klimawandler und seinem 5,5-Liter-V8. Man könnte ja, wenn man wollte, also hat man es gar nicht nötig.

Auch hier möchte ich noch einmal meine Beinahe-Schwägerin erwähnen: mit der fuhr man nicht gerne mit. Sie war am Steuer ängstlich und nervös, fuhr erratisch – kurz: wirklich schlecht. Nicht böswillig-schlecht, sondern unfähig-schlecht. War der Twingo allerdings mal wieder kaputt und war sie mit einer der E-Klassen ihrer Eltern unterwegs (zur Auswahl standen ein w124 und ein w210), so konnte dasselbe blonde Mädchen plötzlich autofahren. Tiefenentspannt und souverän, weit vorausschauend und sicher. Und beim einparken das Schiff ganz gelassen in einem Zug rückwärts in die Lücke gestellt.
Geht also nicht nur mir so.

Der nächste wichtige Faktor sind die Kosten. Das ist auch der Grund, warum ich den Benzinmotor oben zur Betonung kursiv gesetzt habe. Starke Benzinmotoren in nicht ganz leichten Autos haben nämlich die angenehme Eigenschaft, auch sinnlosen Stadtverkehr, aber aggressive Fahrweise ganz besonders mit grotesk eskalierenden Verbräuchen zu ahnden.
Ein Kleinwagenbenziner läßt sich, vernünftig (was schwer fällt) gefahren, mit fünf bis sechs Litern bewegen. Wenn man ihn tritt nimmt er acht bis neun. Nicht schön, aber noch verkraftbar. Bremsenverschleiß hält sich mangels Gewicht auch in Grenzen. Tritt man dagegen ein benzinmotorisiertes Auto der oberen Mittel- oder Oberklasse, dann laufen da ganz schnell fünfzehn bis fündundzanzig Liter durch. Zwei Tonnen jedesmal sinnlos zu beschleunigen kostet halt Sprit, und sie sinnlos wieder zusammenzubremsen kostet – Bremsen. Das tut weh im Portemonnaie. Aber außerorts, sinnvoll gefahren, läßt sich das gleiche Auto dann durchaus mit mehr oder weniger deutlich unter zehn Litern bewegen. (Ok, bei einer achtzylindrigen S-klasse sind zehn die Untergrenze. Aber einen BMW-Sechszylinder oder einen Saabturbo kriegt man locker auf acht runter.) Spätestens nach der dritten Tankfüllung hat unser Fahranfänger dann begriffen, daß vorausschauendes gleiten der Gesundheit seines Geldbeutels deutlich zuträglicher ist. Sparsames Fahren ist vorausschauendes Fahren, und vorausschauendes Fahren ist sicheres Fahren!

Tanken diszipliniert.

Tanken diszipliniert.
Photo: Laurent B.

Ich kenne niemanden, der in seiner Jugend Zugriff auf überdurchschnittlich motorisierte Autos hatte, der jemals in seinem Leben einen Unfall aufgrund zu hoher oder unangepaßter Geschwindigkeit verursacht hat. Von denen, die mit typischen Fahranfängerautos begannen, gab es dagegen einige.

Gegen einen 9-5 aero als Fahranfängerauto sprechen einige Gründe. Zum Beispiel seine technische Fragilität und die im Schadensfall schnell grotesk eskalierenden Werkstattkosten, wenn man den überhaupt eine kompetente Werkstatt in der Umgebung findet. (Diese Gründe halten auch mich als Nicht-Fahranfänger vom 9-5 ab.) Da sind einige andere Fahrzeuge deutlich berechenbarer und einfacher. Aber Größe und Motorleistung sind keine Gründe, die gegen einen 9-5 als erstes Auto sprechen. Sie sprechen eher dafür.
Und für jedes andere große Auto mit Benzinmotor.

Advertisements

Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
Dieser Beitrag wurde unter Automobiles abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Das richtige Auto für Fahranfänger

  1. Nick schreibt:

    Ich habe mir auch mit 18 Jahren einen 9-5 Aero gekauft, zwar mein 3. Auto und ich hatte schon 1,5 Jahre meinen Führerschein, allerdings doch noch recht jung.
    Nunja was soll ich sagen. Die Fixkosten halten sich angenehm in Grenzen (im Vergleich zu ähnlich motorisierten Autos) und der Wagen fährt sich super sicher, damit kann wohl jeder umgehen. Mit dem Turbo muss man tatsächlich aufpassen. Auf einer der ersten Fahrten hat mein Kumpel heimlich die „Sport“ Taste gedrückt. Was ich nicht wusste und so ist aus dem leichten Gasgeben im Kreisverkehr eine brenzliche Situation geworden.
    Und der 9-5 war echt bescheiden einzuparken. Das lag aber nicht an der Größe des Autos, sondern am riesigen Wendekreis. Das war in der darauffolgenden MB E430 eine andere Welt. Aber warum sollten junge Männer schlechter große Autos einparken können als ältere? Irgendwann muss man es eh lernen. Ob das jetzt mit 18 oder mit 25 ist. Und das gilt nicht fürs Parken. Und 25 Jährige die bisher nur Corsa gefahren sind können mit einem Aero mMn auch nicht besser umgehen als 18 jährige.
    Natürlich kann einem dann eine große Reperatur das Genick brechen. Bei mir war es die Ausgleichskette plus Ölverlust. Das hätte mich einen großen 4 stelligen Betrag gekostet. Aber dann kann man das Auto ja immernoch verkaufen 🙂
    Am Ende kommt es natürlich auf die Person an. Einem Tellerwischer-Prollo der auf dem McDonalds Parkplatz Posen möchte und gerne Straßenrennen fährt würde ich solch ein Auto nicht zumuten. Aber für eine verantwortungsbewusste Person ist das doch kein Problem 🙂

  2. turboseize schreibt:

    Nachtrag:
    Beim Thema Fahranfänger darf der Hinweis auf ein Fahrsicherheitstraining nicht fehlen! (Was nicht heißen soll, daß ich das nicht auch jedem älteren Autofahrer empfehlen würde, aber für einen Fahranfänger ist es essentiell.) Nichts bremst jugendlichen Übermut so zuverlässig ein, wie einmal aufgezeigt zu bekommen, was man alles nicht kann, und wie schnell man nur hilfloser Beifahrer im eigenen Auto ist, ohne Chance, noch irgendetwas zu retten. Welchen Unterschied nur wenige Kilometer zu viel im Ernstfall machen muß man tatsächlich „erfahren“ – sich das im Theorieunterreicht herzuleiten ist das eine, es praktisch zu erleben das andere.

  3. golf1cabriolet schreibt:

    Ich finde so Diskussionen immer sehr interessant besonders in heutigen Zeiten, wo in der Schweiz Fahranfänger mit diesen Reisschüsseln Subaru Impreza, Mitsubishi Evo mit Pommes Theke auf dem Kofferraumdeckel rumfahren oder einen Golf R ihr eigen nennen. Man sollte diese Fahranfänger nicht über einen Kamm scheren finde ich, denn es gibt auch durchaus sehr viele die trotz dieser vielen PS Verantwortungsvoll damit umgehen. So wie es bei den „routinierten“ Fahrern schwarze Schafe gibt, gibt es diese auch in der Kategorie Anfänger. Klar mein 1. Auto hatte 1.0L und 55Ps😁, aber das war auch vor 21 Jahren☺️.

  4. Der East schreibt:

    Ich halte es eher für gefährlich, dem Fahranfänger als erstes Auto eine untermotorisierte 75PS-Möhre zu „spendieren“ und ihm dann, wenn er sich an diese Motorisierung gewöhnt hat, direkt im Anschluss einen 180PS- Karren zu erlauben. Wenn PS, dann sofort möglichst viele….

  5. Pingback: Fahrsicherheitstraining | Schneewittchensaab

  6. Pingback: Das dritte Leben | Schneewittchensaab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s