Klare Sicht

Ende des Vormonats fand ich mich hinter einem grauen Transporter aus dem KdF-Werk wieder, als mir plötzlich ein patronenhülsenfarbenes Geschoß entgegenflog und mit lauten Knall die Windschutzscheibe genau vor meinem Gesicht traf. Vor dem Transporter fuhr ein Sattelzug, dessen Auflieger mit „Baustellenfahrzeug“ beschriftet war. Die Laderaumabdeckung war geöffnet, erkennbar an der dicken Stoffrolle auf der rechten Seite. Soviel zum Thema „Ladungssicherung“. Die Indizienkette ist eindeutig, allerdings leider höchstwahrscheinlich nicht gerichtsverwertbar.

Am nächsten Rastplatz begutachtete ich den Schaden:

Ein Steinschlag genau vor meiner Nase. Wenn das mal nicht die Definition von „Sichtbereich des Fahrers erfüllt“, was dann? Reparieren schied also leider aus, obwohl sich noch keine Risse zeigten.
Meine Versicherung sagte telephonisch die Übernahme zu, wollte mich aber trotz freier Werkstattwahl zur Kette mit der nervigen Radio- und Fernsehwerbung drängen. Das war natürlich völlig indiskutabel; nicht nur aufgrund der Vielzahl an 9000, die ich mit verfaulenden A-Säulen gesehen habe und deren einzige Gemeinsamkeit ein vorangegangener Windschutzscheibenwechsel beim Schnellglaser war, sondern auch, weil die Windschutzscheibendichtung, die beim 900 die nicht verklebte Scheibe in Position hält, beim Ausbau nicht immer, aber doch oft reißt. Da wäre es bedeutend besser, man ginge zu einem Saab-Spezialisten, der im Notfall noch ein paar Dichtungen im Lager liegen hätte. Die planmäßige 570.000er-Inspektion war eh überfällig, beides zu verbinden lag also nahe.

Frank nahm umzugsbedingt keine Aufträge mehr an (das Straßlacher Werkstattgebäude wird weggentrifiziert), aber HFT hatte in der Folgewoche Zeit. Also wieder einmal eine Deutschlandodyssee: Berlin – Westerwald – Übernachtung bei Brüderchen im Ruhrpott – München.
Die Fahrt fing schon gut an, denn um 01:45 Uhr klingelte das Telephon – endlich ein Mitfahrer! Daß es eine relativ blöde Idee ist, den Fahrer, der einen am nächsten Morgen um kurz nach sechs Uhr sicher fast 600km quer durch Deutschland bringen soll, mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen konnte ich unserem Neumitbürger zum Glück mit wenigen Worten nachdrücklich klar machen.
Ich beschloß, den Wecker aus Sicherheitsgründen eine Stunde später zu stellen und vertröstete mich damit, daß ich den Zeitverlust dank der mehr als ausreichenden Motorleistung des Schneewittchens sicher wieder würde herausfahren können. Zwar zum Preis eines an sich unnötigen weiteren Tankstops, aber übermüdet will ich mich nicht ans Steuer setzen.
Diese Stunde sollte mir allerdings am nächsten Tag beinahe das Genick brechen, denn sie brachte mich genau zur Hauptstauzeit auf die Autobahn. Nachdem mir auf der A2 fast zwei Stunden Stau angezeigt wurden entschied ich mich, über A9 und A38 auszuweichen. An sich kein schlechter Plan… die Strecke ist nur unwesentlich weiter, die Stadtdurchquerung von Halle beschränkt sich auf drei oder vier Ampeln und die Bundesstraßen in die Stadt und aus der Stadt heraus sind autobahnähnlich ausgebaut. Der Zeitverlust auf dieser Strecke ggü der A2 bewegt sich erfahrungsgemäß im Bereich von 30 bis 40 Minuten – ein einziger kleiner Stau auf der A2, und man ist „untenrum“ schneller. Eigentlich.
Man sollte dann allerdings nicht den Feler machen, in Halle einmal zu früh abzubiegen und sich dann darauf zu verlassen, daß einen Tante Google, wohnhaft in einem kalifornischen Apfel, wieder auf den rechte Weg zurückbrächte. Mit der (übrigens StVO-konformen) Zweckentfremdung des Telephons als Navigationsgerät hatte ich eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht; das I-Phone 4 ist für dergleichen leider völlig unbrauchbar. Miserabler GPS-Empfang und dazu noch so absurd langsam, daß die Ansagen entweder grotesk falsch sind, weil man drei bis fünf Nebenstraßen weiter verortet wird oder erst nach Überfahren des Abzweiges kommen. Nach einer mittleren Ewigkeit war ich dann auch der Kopfsteinpflasterhölle Halle entkommen und konnte auf der A38 mit gemütlichen 180km/h vor mich hingleiten. Zeitgewinn allerdings trotz rasant fallender Tankanzeige: Fehlanzeige.
Ab Kassel lotste mich die kalifornische Tante G. dann abkürzend über den Autobahnstummel 49 und die B3 über Marburg und Gießen Richtung Westerwald. An sich keine sooo schlechte Idee, die Strecke ist landschaftlich durchaus reizvoll. Was Tante G.oogle aber nicht weiß: die B3 wird von Rentnern in silbernen B-Klassen bevölkert, die bei entgegenkommendem Dauerstrom von Sattelzügen außerorts konsequent 45 bis 50 fahren. Ich bin ja eigentlich ein sehr gelassener und entspannter Autofahrer, aber nur eigentlich.

Mit grotesker Verspätung – aus dem geplanten Eintreffen zur frühen Mittagszeit war nun wirklich gar nichts geworden – erreichte ich dann in Windeck meine Lieblingswerkstatt. Sofort wurde das Öl abgelassen, die Probe genommen (Ergebnis folgt), Die Scheibe entfernt und der Windschutzscheibenrahmen in Angriff genommen – und ich abgekämpfter Fahrer mit Kaffee und Stullen umsorgt.

Scheibentausch bei HFT. Windschutzscheibenrahmen angenagt, aber besser als erwartet. Den Spiegelfuß ignoriere man besser...

Scheibentausch bei HFT. Windschutzscheibenrahmen angenagt, aber besser als erwartet. Den Spiegelfuß ignoriere man besser…

Der Scheibenrahmen erwies sich zwar als angenagt; aber zum Glück noch nicht durch. Der Rost war zügig beseitigt; die Farbe schnell angetrocknet und mit einer neuen gebrauchten Dichtung konnte die Scheibe tatsächlich in den mittleren Abendstunden eingesetzt werden. Neues Öl rein (aus Neugier das Shell, das derzeit im Netz geradezu verramscht wird) und rein prophylaktisch auch einen neuen Luftfilter. (Der alte sah noch gut aus, war aber nicht in HFTs Historie vermerkt, und obwohl ich mir sicher war, daß Frank ihn mal getauscht hatte, konnte ich – ohne Zugriff auf mein Archiv – nicht sicher sagen wann. Da Luftfilter nicht so überwältigend teuer sind wurde nicht lange gezögert.) Bei der anschließenden Probefahrt schlug der Vorführeffekt zu: das metallsiche Tickern, daß sich ab und an, und zwar unerklärlicherweise sowohl kalt wie auch heißgefahren einstellte war nicht mehr reproduzierbar.
Bliebe noch das rhytmische Schaben und Schleifen, das bei starkem Lenkeinschlag in Rechtskurven auftrat. Darum bräuchte ich mir keine größeren Sorgen machen, das sei ähnlich wie das bekannte „KLONK“ bei Wechsel zwischen Vorwärts- und Rückwärtsfahrt eine Eigenheit der Schwimmsattel-Bremse. Die bräuchte zur ordnungsgemäßen Funktion nun einmal leichtes Spiel, und besagtes Spiel brächte mit sich, daß ein Bremsbelag auch mal leicht schief sitzen könne. Ich solle einfach mal öfter und heftiger bremsen, dann träte sowas erst gar nicht auf und wenn es doch da wäre, bekäme man es auch wieder weg. Und siehe da: Eine Probefahrt und einige Testvollbremsungen später war die Vorderachse ruhig.
Ich scheine wohl so materialschonend zu fahren, daß die Bremsen nicht an Verschleiß, sondern an Unterforderung zu sterben drohen…
Mit zwei Rechnungen versehen – Scheibentausch für die Versicherung, Windschutzscheibenrahmeninstandsetzung und Inpektion für mich – ging es dann zu viel zu später Stunde ins Ruhrgebiet. Ich wäre zwar auch mit dem Zug dahin gekommen und hätte den Wagen auch am nächsten Tag abholen können, aber das HFT-Team setzte alles daran, mir das unkalkulierbare Abenteuer einer Bahnfahrt zu ersparen. Ganz herzlichen Dank!

Im Ruhrgebiet geschwind vor dem Zubettgehen den Bruder ausgeschimpft, der als Dienstwagen einen Audi mit Laserlicht geordert hat – der geneigte halogenfahrende Leser wird meine Verärgerung verstehen – und am nächsten Morgen noch meinen Lieblingsautoteilehändler mit Croissants heimgesucht. Hier scheint sich eine Lösung für ein anderes Problem anzudeuten, doch dazu später mehr.
Die Weiterreise verlief einigermaßen unspektakulär, sieht man von dem gelegentlichen Tickern aus Richtung Zylinderkopf ab, das sich in München wieder zeigte. Offensichtlich hat mein Auto deutlich mehr Respekt vor HFT als vor mir…

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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3 Antworten zu Klare Sicht

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