Winterreifen? Sommerreifen? Regenreifen!

Gewitter mit wolkenbruchartigen Niederschlägen an der AVUS. Team Saab-Scania hat rechtzeitig auf full wets gewechselt.

Gewitter mit wolkenbruchartigen Niederschlägen an der AVUS. Team Saab-Scania hat rechtzeitig auf full wets gewechselt.

Wir alle wechseln ja brav zwischen Sommer- und Winterreifen. Ganzjahresreifen sagte man früher nach, sie wären sommers wie winters gleich unbrauchbar. Das ändert sich zwar gerade etwas – zum einen sind Ganzjahresreifen in den letzten Jahren bedeutend besser geworden, zum anderen fokussieren sie sich oft stark auf eine Jahreszeit. Der Nokian Weatherproof zum Beispiel hat im Test der britischen Auto Express den Winterreifen Conti TS 850 auf Schnee vollkommen deklassiert. Das andere Extrem bietet Michelin, die den CrossClimate bewußt nicht als Ganzjahresreifen vermarkten, sondern als Sommerreifen, der zur Not auch mit Schnee klarkäme. Trotzdem sind die meisten GJR dem Spezialisten immer noch unterlegen: winterlastige Ganzjahresreifen können mittlerweile durchaus mit Winterreifen mithalten, haben aber im Sommer auch deren Nachteile. Sommerlastige GJR schwächeln dann an den Wintertagen, an denen es richtig dicke kommt und der Räumdienst versagt…
Also fahren wir weiterhin Winter und Sommerreifen.

Sommerreifen sind bei winterlichen Straßenverhältnissen nutzlos (und zurecht verboten), Winterreifen dagegen im Sommer unangenehm, vor Allem, wenn sie noch relativ frisch sind, viel Profil und tiefe Lamellen haben. Bei hohen Außentemperaturen verlängert sich der Bremsweg auf trockener Fahrbahn gegenüber einem Sommerreifen deutlich, außerdem sinkt die Lenkpräzision und der Rollwiderstand steigt. Vom beschleunigten Verschleiß reden wir mal gar nicht erst. Aber das Profil von Winterreifen hat in der Regel einen höheren Negativanteil und kann Wasser besser abführen. Der Winterreifen ist auf nasser Straße bei höheren Außentemperaturen dem Sommerreifen nur noch leicht unterlegen, im Aquaplaningverhalten oft auch überlegen.
Sommerreifen dagegen vertragen auch höhere Temperaturen und sind auch auf trockener Fahrbahn dem Winterreifen fast immer deutlich überlegen. Oft wird vom Reifenhandel die 7°-Regel bemüht – die besage, daß ein Winterreifen bei niedrigeren Temperaturen auf trockener und nasser Straße mehr Grip habe als der Sommerreifen. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung. So mancher Sommerreifen bremst auch bei deutlichen Minusgraden auf trockener Straße noch bedeutend besser als die meisten Winterreifen. Was dem Winterreifen auf Schnee und Eis hilft, das grobe Profil mit weichen Profilblöcken und Lamellen, ist auf trockener Straße absolut kontraproduktiv.

Wie der geneigte Leser unter Umständen schon mitbekommen haben mag schätzt der Verfasser dieser Zeilen seine Michelinreifen sehr. Als Vielfahrer weiß er zu schätzen, daß sie weit überdurchschnittlich lange halten und vor Allem ihre performance relativ konstant erbringen, anders als Beispielsweise die Produkte der Hauptmarke eines niedersächsischen Automobilzulieferers, die neu jedesmal absurd großartig sind, die den Verfasser jedoch wiederholt nötigten sie bei halbem Profil nach wenigen Monaten Nutzungsdauer zu entsorgen, weil sie schlagartig jeden Grip verloren hatten, naß wie trocken gleichermaßen.
Daß den Michelinreifen, insbesondere den Sommerreifen, eine leichte Naßschwäche nachgesagt wird nahm der Verfasser bis jetzt immer in Kauf. Wenn ein Reifen beispielsweise 95% der Leistung eines Referenzreifen bringt, aber auch mit fortgeschrittenem Verschleiß nicht unter 80% absinkt, dann ist man damit unterm Strich über die gesamte Laufzeit des Reifens immer noch besser unterwegs als mit dem im Neuzustand besseren Reifen, der mit halbem Profil grotesk auf einen Bruchteil seines Leistungsvermögens im Neuzustand einbricht. (Aquaplaning lassen wir dabei außen vor: die Gefahr von Quaplaning steigt mit schwindendem Profil dramatisch an, da sind die Qualitäten der Gummimischung egal. Dann hilft nur drastisch reduzierte Geschwindigkeit.)
Und so schlecht, wie alle immer tun, ist der EnergySaver auf Nässe auch gar nicht. Beim letztjährigen Fahrsicherheitstraining war ich sogar sehr positiv überrascht, wie gut der Reifen auf der bewässerten Gleitfläche funktionierte. Allerdings war es an diesem Tag menschenunwürdig und lebensgefährlich heiß. Das ist es im Sommer leider oft, aber zum Glück nicht das ganze Jahr über. Bei moderaten Temperaturen jedoch macht sich der Naßgrip der Energy Saver ganz schnell aus dem Staub. Unter 20°C könnte man wohl eine leichte Naßschwäche attestieren, unter 10° wird es richtig rutschig. In Frühjahr und Herbst muß man auf nasser Straße also sehr vorsichtig sein. (Der Pilot Exalto auf dem Schwedenfiat zeigt ein vergleichbares Verhalten.) Und was Aquaplaning angeht, so ist der Reifen zwar nicht schlecht, aber auch nur durchschnittlich talentiert, so daß ich mich oft genug gezwungen sehe, auf wirklich nasser Autobahn die Geschwindigkeit bis auf Lkw-Tempo zu reduzieren.
Ich hatte mir bisher damit beholfen, die Winterreifen relativ früh, meistens schon im September, aufzuziehen und sehr lange, oft bis weit in den Mai hinein, draufzulassen. Das hatte den Vorteil, gegen späte Wintereinbrüche in den Alpen oder in Schweden gewappnet zu sein, wo ich mich bisweilen herumzutreiben pflege. Sowohl im Frühling wie im Spätherbst gibt es aber oft genug Tage, die guten Gewissens als sommerlich bezeichnet werden können. Da ist ein Winterreifen wiederum auch fehl am Platz. Und schließlich nervt der Geschwindigkeitsindex „T“ bei freier Autobahn auch.
Oft zu kühl und zu kalt für (Michelin-) Sommerreifen, mindestens genauso oft aber zu heiß für Winterreifen. Oft auch ziemlich naß. Ganzjahresreifen ganzjährig keine Option. Eigentlich bräuchte man neben Winter- und Sommerreifen auch Frühlings-bzw Herbstreifen. Bescheuerte Idee. Oder doch nicht? Hier läge eh noch ein Satz Felgen rum…
Kurz nachgedacht. Ein Ganzjahresreifen müßte in der Übergangszeit doch eigentlich passen. Der schon angesprochene Nokian käme allen Tests mach hervorragend mit Nässe und Aquaplaning klar. Allerdings hätte er als verkappter Winterreifen die gleichen schwächen auf trockener, warmer Fahrbahn wie meine Michelin Alpin – eventuell sogar noch mehr. Der Vredestein Q3 fiel nach den Erfahrungen mit dem Plüschtier komplett raus: vom nur durchschnittlichen Leistungsvermögen einmal abgesehen ist der Reifen schlicht so unkomfortabel, daß er auf Berliner Straßen unerträglich wird. Goodyears Vector AS wäre dagegen sehr komfortabel und kommt mit nasser Straße sehr gut klar, aber trocken wird er unerträglich schwammig. Eigentlich wäre der Michelin CrossClimate genau das richtige. Ein Sommerreifen, aber bedeutend besser in Aquaplaningresistenz und Naßgrip als die Energy Saver. Leider ist der Reifen auch absurd teuer.
Dann erinnerte ich mich an Uniroyal. Beworben als „the rain tire“. Auf dem Sportunimog fuhr ich vor gut einem Jahrzehnt einmal einen Satz „rally paarhundertirgendwas“, der absurd laut war, einen deutlich höheren Rollwiderstand aufwies (bis zu 0,8 Liter Mehrverbrauch gegenüber den – allerdings völlig naßgriplosen – Conti EcoContact), der aber auch geradezu grotesk gut war auf nasser Fahrbahn.
Eine große Werkstattkette verkaufte gerade den Uniroyal RainExpert zu lächerlichen Preisen ab: ein Reifen kostet nur grob die Hälfte des Michelin CC. Alle Testberichte, die ich auftreiben konnte waren sich in ihrer Beurteilung einig: der Rain Expert sei die Referenz im Auqaplaningverhalten und sehr gut auf Nässe, auf trockener Straße habe er leichte Schwächen. Das Einlenkverhalten sei unpräzise, die Untersteuerneigung nehme zu, aber der Reifen sei sehr komfortabel. Hier horchte ich auf: das spräche für eine Karkasse mit sehr weichen Reifenflanken. Der 900 lenkt dank seiner Doppeldreieckslenkerachse sehr präzise und neutral ein, er neigt aber auch dazu, kleine Fahrbahnunebenheiten, Autobahnquerfugen und Kopfsteinpflaster nahezu ungefiltert an die Insassen durchzugeben. Für den Preis von zweieinhalb Tankfüllungen schien mir auch das Risiko eines Fehlgriffes akzeptabel.

Kurzentschlossen wurde online gekauft und die Montage dazugebucht. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, daß der nächste freie Montagetermin in drei Wochen wäre. Aber der Reifendienst um die Ecke hätte noch was frei. Wann? Jetzt sofort. Flugs die Felgen in den Kofferraum geschmissen, die Reifen in Schöneberg abgeholt, die schon bezahlte Montage storniert (der Betrag wurde bar ausgezahlt), Reifen ins Auto geworfen und zurück nach Charlottengrad. Eine halbe Stunde später stand der Wagen auf Sommer- bzw. Regenreifen:

Unmittelbar nach Verlassen des Reifendienstes setzte der Regen ein. Einige Stunden später, auf dem Rückweg von der Halle, schüttete es wie aus Kübeln. Auch der folgende Samstag blieb nicht trocken. Nach wenigen Tagen und grob 400km ist natürlich noch es viel zu früh für eine Bewertung, aber die ersten Eindrücke möchte ich meinen treuen Lesern nicht vorenthalten . Der Einfachheit halber plagiiere ich mich selbst mit einem Beitrag, den ich für ein Autoforum verfaßt habe:

Was auffällt:

Verzögertes Einlenken und deutlich größere Lenkwinkel nötig gegenüber den Michelins, besonders auffällig auf trockener Fahrbahn. Da gewöhnt man sich aber dran.

Bei hohen Autobahngeschwindigkeiten sehr unruhiger Lauf (der 900 ist eh recht agil und läuft jeder Spurrille hinterher, aber daß die Kiste bei über 200 so über die ganze Straße tanzt wie Samstag morgen mit dem Uniroyal hab ich auch noch nicht erlebt.) Naßgrip i.O., vollbringt aber auch keine Wunder. (Wobei der Reifen nun wirklich flammneu ist – wahrscheinlich verbessert sich das noch etwas, wenn die Trennschicht runtergefahren ist.) Phänomenal dagegen die Aquaplaningsicherheit. Ich hab den Wagen bewußt durch tiefe Pfützen geprügelt – nichts, aber auch gar nichts. Durch Wasser auf der Straße fährt das Ding einfach durch. Im freitäglichen Abendgewitter lief auf der B96 in einer leichten Kurve ein Bach quer über die dort autobahnähnliche Straße, ich hab’s zu spät gesehen und bin ungebremst mit 120+x durchgerauscht. Hab gemerkt wie das Wasser den Wagen abgebremst hat – bin aber nicht aufgeschwommen. Popometer und Erfahrung sagen einstimmig: das hätte mit anderen Reifen ganz anders ausgehen können. Aber bei diesem Profil und dieser Profiltiefe wäre es auch eine Enttäuschung, wenn der Reifen nicht mit Wasser klarkäme.

Sehr angenehm ist der Fahrkomfort. Nochmals komfortabler als die eh schon recht geschmeidigen Michelin, um Welten besser als die absurd unkomfortablen Vredestein Q3. Das ist wirklich angenehm, vor Allem wenn man hauptsächlich Drittweltländer wie Berlin und Brandenburg befährt. Auch Querfugen auf Betonautobahnen sind plötzlich deutlich weniger nervig.
Der Rollwiderstand scheint deutlich höher als bei den Michelin ES und etwas höher als bei den A4.

Uniroyal kann auch nicht zaubern. Komfort kommt durch die weiche Reifenflanke, Aquaplaningresistenz durch das absurde Profil. Beides geht auf Kosten des Handlings, der hohe Negativanteil des Profils auch auf Kosten des Trockengrips. Die weiche Gummimischung ist gut bei Nässe, kostet aber Sprit. Ist halt ein Kompromiß. So wie Spritsparreifen oft auf Nässe versagen, so kann der Regenreifen eben nicht spritsparen oder knackiges Handling bieten.

Der Marketingclaim – „der Regenreifen“ – scheint jedenfalls absolut zuzutreffen. Das Ding kann Regen – auf Kosten alles Anderen, aber wenn es wirklich pitschnaß ist dürfte an den Reifen kaum etwas vorbeikommen.

Der Reifen scheint also genau das zu sein, was ich erwartet hatte. Ganz sicher nicht für jedes Einsatzprofil geeignet, aber als „Übergangsreifen“ scheint er mir genau richtig. Noch offen ist natürlich, wie stark sich die Eigenschaften bei abnehmendem Profil verändern und wie schnell der Reifen verschleißt. Alle Nicht-Michelins waren auf dem Auto (und seinen baugleichen Vorgängern) nach 30.000km tot, wenn der Uniroyal die 30k auch packt wäre ich zufrieden.

Advertisements

Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
Dieser Beitrag wurde unter Automobiles abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Winterreifen? Sommerreifen? Regenreifen!

  1. bk-aero schreibt:

    Sehr interessant, welche Reifenerfahrungen du als Vielfahrer so machst. Ich bin gespannt, wie sich der Regenspezialist bewährt. Wenn er sein Profil zwischen München, Berlin und Windeck verteilt hat, kannst du ja doch noch mal über CrossClimate nachdenken. Zumindest in € pro km dürften die sich als günstiger herausstellen: http://www.michelin.de/Testberichte_zur_Laufleistung
    Auf dem 900 bin ich mit den MCC bisher sehr zufrieden, bin aber auch nur maximal 3.000 km gefahren.

    • turboseize schreibt:

      Wenn die Michelin CC doppelt so lange halten und das Doppelte kosten wären sie unterm Strich immer noch günstiger, da man sich ja einmal Montage sparen würde.

  2. Pingback: Wassereinbruch! | Schneewittchensaab

  3. Pingback: Sommer befohlen! | Schneewittchensaab

  4. Pingback: Reifenerfahrungen: Uniroyal Rain Expert | Schneewittchensaab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s