Fuhrparkumbau: 9000 geht…

Kurz nach eins erreiche ich mit einer Mitfahrgelegenheit den Kölner Hauptbahnhof. Ich suche den Eingangsbereich nach Fahrkartenautomaten ab und finde keinen. Dann werden sie wohl, wie üblich, auf den Bahnsteigen stehen.
Ich finde raus, daß meine Regionalbahn um 13:23 geht und begebe mich zu Gleis drei.
Es gibt keine Fahrkartenautomaten.
Eine wohl allenfalls ehemals hübsche Bahnbedienstete führt mich in einen Seitentrakt, wo die Automaten getarnt in die Wand eingelassen sind. Um 13:26 halte ich die Fahrkarte in der Hand. Die Regionalbahn ist weg.
Um 13:31 geht eine S-Bahn ab Gleis 10. Ich sprinte los. Vorbei an Rentnern, Junkies, Touristen und Kindergartengruppen.
Auf der Rolltreppe verlegt ein gestrandeter Landwal den Weg. Ich quetsche mich vorbei. 13:30. Der Zug ist an der Anzeigetafel angeschlagen, aber nirgends zu sehen. Da sehe ich das Kleingedruckte: „Kurzzug hält im Abschnitt A“. Und tatsächlich: am anderen Ende des Bahnsteiges steht ein Triebwagen.
Ich sprinte los, vorbei an Rentnern, Junkies, Touristen, Kindergartengruppen und Landwalen.
Um 13:31 bin ich noch 10 Meter entfernt. Der Zug fährt los.

In einer amerikanischen Bulettenbraterei führe ich meinem ausgemergelten Körper die soeben verbrannten 3500kcal zu, während ich auf den nächsten Zug um 14:23 warte. Dieser hat übrigens zehn Minuten Verspätung. Angeblich. Es bleibt spannend.

Was zur Hölle mache ich in Köln? Warum fahre ich Bahn? Beides ist verwerflich und beides zusammen erst…
Nun, die Antwort ist einfach. Verpflichtungen. Verpflichtungen, die ich selber eingegangen bin.
Wenige Wochen zuvor hatte mein Tiefgaragenvermieter einem Mitforisten im schwäbischen Altmetallforum den Hinweis gegebe, ich kenne mich mit alten Saabs leidlich aus. Dieser Mitforist hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, einen Vorfacelift-9000-turbo mit Automatik zu erwerben. Einen Griffin hatte er sich schon angeschaut, den ich ihm ausreden sollte. Während ich ihm dann versuchte, den 9000 CC grundsätzlich auszureden und ihn in Richtung CS/CSE zu lenken wurde schnell klar: nein, hier geht es nicht um Alltagstauglichkeit oder das bessere Auto, hier geht es um Grundsätzliches. Um Ästhetik. Um Stil.
Und so traf man sich, um am Beispiel Veronicas eine Kaufberatung am lebenden Objekt durchzuführen und exemplarisch durchzuexerzieren, wo man beim 9000-Kauf hinschauen und wo weghören – und wann man weglaufen muß. Im Vorfeld hatte ich dem Käufer, der witzigerweise nicht nur meine Initialen, sondern auch meinen Vornamen trägt, schon die Scans der Wartungs- und Reparaturhistorie des Autos zukommen lassen, damit er ein Gefühl für die Kosten der kleineren und größeren Katastrophen bekommt, die den Saabfahrer erfahrungsgemäß heimsuchen. Bis hierhin verlief alles nach Plan. Und dann fragte M. plötzlich: „Jetzt sag schon, was willst Du für Deinen haben?“
Aber er wollte doch eigentlich einen Automaten? „Ja, aber Dein Auto kenne ich jetzt. Du hast Dir alle Mühe gegeben, mir den Wagen auszureden – da sollte es also keine bösen Überraschungen mehr geben. Und schließlich muß ich enfach jedes Auto mit lückenloser Historie kaufen.“ Schnell stand auch eine faire Zahl im Raum.
Aber der Wagen hatte gerade die 320.000 überschritten, die Inspektion war fällig, sämtliche Flüssigkeiten sowieso, und dann war mir kurz zuvor ja noch die Instrumentenbeleuchtung teilweise ausgefallen. Außerdem zeigte sich bei der Probefahrt, daß die Antriebswellen zu randalieren begannen, sobald man bei Lenkeinschlag etwas Leistung abverlangte. (Das hatte ich nie bemerkt, ich fuhr mit dem Auto ja nur geradeaus.) So kann man ein Auto natürlich nicht übergeben. Frank ist komplett ausgelastet, HFT aber kann den Wagen dazwischenschieben. Einen Tag nach dem Verkauf stand der Wagen also in Windeck.

BILD

Und deshalb sitze ich jetzt bei unmenschlicher Gluthitze im Kölner Bahnhof und warte auf meinen Zug. Der kommt auch irgendwann. Und dann bummeln wir – mit einer pubertären Schulklasse – durchs Rheinland in den Westerwald.
Vom Bahnhof Schladern aus ist es noch ein kurzer Fußmarsch, über die Sieg hinweg, und dann den Berg hoch.

Recht idyllisch.

Recht idyllisch.

Auf halber Höhe das Gewerbegebiet; kurz vor vier Uhr erreiche ich die Werkstatt. Veronica steht an der Straße. Eine kurze Probefahrt mit Übergabegespräch noch, dann wirft der Chef fünf Liter selbstgekelterten Riesling in den Kofferraum, die unser luxemburger Saabfreund L. anläßlich der Getrieberevision seines lxy bei ihm deponiert hatte – ein kleines Dankeschön für das Bekanntmachen seines rosafarbenen 9000. Da sage nochmal jemand, dieses Blog werfe keine Früchte ab.
Dann bin ich auch schon wieder auf dem Rückweg. Ich fahre zügig (aber nicht ungezügelt) und lasse den Wagen auf den freien Autobahnabschnitten zum Abschied etwas laufen. Er dankt es mir, indem er den Schnitt über 80.000 Kilometer um 0,2 Liter nach oben schiebt. Turbo läuft, turbo säuft.

Am nächsten Morgen wird sich eine Waschanlage finden, die früh genug öffnet. Ein letztes Mal befreie ich den wagen vom Berliner Staub und zahllosen Insekten. Ein letztes Mal reibe ich das Leder mit dem geheimen Zeugs ein, das mir Markus mitgegeben hatte. (Die Flasche geht genau beim letzten Sitz zur Neige.) Und dann stehe ich vor der Tiefgarage des Käufers, und dann passiert das, was der Jurist den Zeitpunkt des Risikoübergangs nennt. Um halb neun steht das Auto ohne Nummernschilder auf seinem neuen Tiefgaragenplatz.

tiefgarageohneschilder

Zuhause mache ich dann die Abrechnung. Als gelernter Bürokrat halte ich bekanntlich alle fahrzeugbezogenen Ausgaben nach. Man hört ja oft das Wort schönrechnen. Da steckt die Unterstellung drin, man frisiere die Eingaben so lange, bis ein erträgliches Ergebnis herauskäme. Aber das braucht man gar nicht. Ja, ein alter Saab ist teuer. Erschreckend teuer. Und der Kaufpreis macht nur einen Bruchteil davon aus. Vor Allem, wenn man als zehndaumiger Doppellinkshänder jede Arbeit in die Werkstatt geben muß. Aber gleichzeitig ist Saabfahren auch unglaublich billig. Jedenfalls, wenn man gewisse Ansprüche an Komfort, Fahrspaß und Stil hat. Wo sonst könnte man denen denn günstiger entsprechen?

Abslout teuer, relativ billig.

Abslout teuer, relativ billig.

Advertisements

Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
Dieser Beitrag wurde unter Automobiles veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Fuhrparkumbau: 9000 geht…

  1. DerEast schreibt:

    Windeck ist immer eine Reise wert, seit hft dort seine Zelte aufgeschlagen hat, gilt dieser Satz noch mehr… Die Fahrkartenautomaten sind im Kölner Hauptbahnhof übrigens im Erdgeschoss linker Hand vom Haupteingang, etwas versteckt in einem Seitentrakt. Ansonsten hoffe ich, dass der Abschied vom 9000 nicht allzuschwer fällt. Ein 9-5 ist kein allzuschlechter Ersatz -:)

  2. Pingback: Sie wehrt sich! | Schneewittchensaab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s