Reifenerfahrungen: Uniroyal Rain Expert

Wie vor einiger Zeit berichtet hatte ich pünktlich zur (hoffentlich bald der Vergangenheit angehörenden) Hitzwelle von den Frühlings-– auf die Sommerreifen gewechselt. Dort hatte ich noch eine Einschätzung zum Uniroyal nach 15.000km versprochen. Außerdem regnet es gerade, so daß ich mich alleine dadurch erinnert und leicht genötigt fühle, sie endlich nachzureichen. Voilà:

Gekauft hatte ich die Uniroyal, weil mir die Michelin Energy Saver plus bei kühleren Temperaturen zu nässescheu waren und die Winterreifen (Alpin A4) zu schwach und zu schade für die auch im Frühjahr und Frühsommer auftretenden heißen Tage mit trockenen Straßen. (Auch wenn die A4 wie auch die A3 und die A2 zuvor zu den eher unschwammigen und bei höheren Temperaturen weniger extrem als andere abbauenden Winterreifen zählen.) Ich versprach mir von den Uniroyals eine deutlich bessere Nässeperformance; mit der in allen Tests gerügten Trockenschwäche glaubte ich leben zu können. Die Rain Expert waren als Auslaufmodell auch nur grob halb so teuer wie die ebenfalls in die Auswahl gekommenen Michelin CrossClimate.
Bei Uniroyal hatte ich die Auswahl zwischen dem auslaufenden Rain Expert und seinem Nachfolger, dem Rain Expert 3. In 195/60 R15 88V lagen zwischen den Modellen nur der Gegenwert zweier Döner pro Reifen. Entschieden habe ich mich für den älteren, weil ich dem schräg verlaufenden Profil des RE3 auf dem 900 nicht so ganz traue. Das schräge Profil funktioniere laut Uniroyal nicht so, wie man intuitiv denken möge, nämlich wie ein halbes V und leite Wasser zu einer Seite ab – und damit auf einer Fahrzeugseite nicht seitlich aus dem Reifen heraus, sondern unter ihn herunter. Der Trick beim Profil des RE3 sei, daß durch den kurzen Latsch bei modernen Breitreifen die schrägen Rillen wie Umfangsrillen agierten, die das Wasser gerade nach hinten durchleiteten. Das mag bei modernen Breitreifen sicher so funktionieren und 195/60 R15 galt bei Erscheinen des 900 sicherlich als Breitreifen, geht heutzutage aber eher als Ballon durch. Statt breit und kurz ist die Reifenaufstandsfläche eher lang und schmal.
Das folgende Bild verdeutlicht, was ich meine.

Sieht platt aus, ist es aber nicht. Das sind 2,6 bar...

Sieht platt aus, ist es aber nicht. Das sind 2,6 bar…

Kommen wir nach dieser Rekapitulation der Vorgeschichte nun zum vorläufigen Testergebnis.

Fahrverhalten.
Zwischen den Michelin und den Uniroyal ein Unterschied wie Tag und Nacht. Der Michelin lenkt deutlich direkter und präziser ein. In schnell gefahrenen Kurven schmiert er erst deutlich später; Lastwechselreaktionen sind moderater. Der Geradeauslauf bei hohen Tempi ist stabiler. Im Umkehrschluß heißt das: der Uniroyal ist in allen diesen Disziplinen deutlich schwächer. Besonders hervorzuheben ist das verzögerte und undefinierte Einlenken, denn das beeinträchtigt nicht nur den Landstraßenspaß, sonden hängt auch mit dem abenteuerlichen Hochgeschwindigkeitsverhalten zusammen. Ein paar Mal war ich mit den Reifen im Bereich 180-220km/h unterwegs; es hat etwas gedauert, bis ich damit klar kam.
Läuft der Wagen einer Spurrinne nach oder spürt man Seitenwindeinflüsse, so korrigiert man normalerweise etwas mit dem Lenkrad. Der Uniroyal reagiert darauf allerdings so verzögert, daß man instinktiv den Lenkwinkel verstärkt. Jetzt aber folgt das Auto dann plötzlich doch dem Lenkimpuls, und weil man zu stark gelenkt hatte, auch viel zu stark. Also korrigiert man in Gegenrichtung. Wer sich jetzt aber nicht zusammenreißt, der übertreibt es aufgrund der Verzögerung wieder, und das Auto schaukelt sich auf. Wer hier der Versuchung erliegt, einen sauberen Strich in seinem Fahrstreifen fahren zu wollen, der begibt sich auf dünnes Eis und braucht mehr Feingefühl, als ich es habe und auch mehr, als ich dem durchschnittlichen Autofahrer zutraue.
Bei höheren Geschwindigkeiten hilft nur eines: den Blick fest nach vorne, die Fahrtrichtung mit dem Lenkrad grob vorgeben und den Wagen und die Reifen dann unbeeindruckt beidseitig um die vorgewählte Linie tanzen lassen. Das erfordert durchaus eine gewisse Nervenstärke und ist sicher nicht jedermannsfraus Sache.
Mit der leichten Schwammigkeit in Kurven und den verlängerten Bremswegen auf trockenener Straße kommt man dagegen recht einfach klar, indem man etwas verhaltener fährt. Dem Sportfahrer wird das auf furchtbar auf die Nerven gehen, im gesittet gefahrenen Alltag wird man den Unterscheid kaum merken. Merken wird man allerdings das sehr geschmeidige Abrollen. Der RainExpert ist außerordentlich komfortabel; kleinere Fahrbahnunebenheiten werden einfach geschluckt und kommen gar nicht erst bis zur Federung durch. Insbesondere im 900 mit seiner bisweilen etwas knochigen Doppeldreieckslenkervorderachse ist das sehr angenehm.

Rollwiderstand.
Auch hier brachte der Umstieg vom Uniroyal, bei dessen Entwicklung der Rollwiderstand keine allzu große Priorität hatte, auf den rollwiderstandsoptimierten Energy saver plus drastische Unterschiede zu Tage. Über Land lasse ich oft (wenn ich niemanden aufhalte) den Wagen einfach im Leerlauf ins nächste Tempolimit oder in die nächste Ortschaft hineinrollen. Da mußte ich mich schon umstellen – aus den gewohnten Punktlandungen am Schild wurde erstmal nichts, ich war mit dem Michelin jedes Mal viel zu schnell…
Interessant ist aber, daß sich der erhöhte Rollwiderstand bei meinem Fahrprofil statistisch nicht ausgewirkt hat. (Bei Spritmonitor hatte ich die stumpf als GJR vermerkt, um eine statistische Unterscheidbarkeit zu schaffen.) Ich habe mit den Uniroyal Schnitt 8,27 Liter gebraucht, verglichen mit 8,57 für Sommerreifen. Wobei hier alle Sommerreifen, die ich bis dato auf dem Auto gefahren hatte erfaßt sind und nicht nur die Michelins… die Kleber ganz zu Anfang beispielsweise waren auch kein Wunder an Leichtlaufeigenschaften. Sollte ich eines Tages genug Langeweile verspüren werde ich auch den Durchschnittsverbrauch der Energy Saver plus einzeln nachträglich erfassen. (Ich bitte den geneigten Leder um Verzeihung, daß mir das jetzt gerade eine zu umfangreiche und zu stumpfsinnige Arbeit ist.)
Desweiteren dürfte es einen leichten Bias zugunsten der Uniroyals geben, alleine deshalb weil ich wegen der Schwammigkeit mit ihnen im Allgemeinen recht verhalten gefahren bin. Kurz: wer viel Autobahn fährt wird den erhöhten Rollwiderstand kaum merken, weil der Luftwiderstand eh weit überwiegt. Bei Stadt- und gemütlichen Landstraßenfahrern könnte das anders aussehen.

Nässe.
Das ist die Paradedisziplin des RainExpert. Das Uniroyal-Marketing beschwört den Claim „Der Regenreifen“. Selten war Werbung so ehrlich und zutreffend. Der Naßgrip, die Traktion, das Bremsvermögen und die Seitenführung auf feuchter Straße ist gut, wenn auch nicht überragend. Da gäbe es durchaus einige (wenn auch nicht viele) andere Reifen, die noch mithalten können. Von einem anderen Stern ist dagegen das Aquaplaningverhalten. Es scheint mir schlicht unmöglich mit diesen Reifen durch Aquaplaning abzufliegen. (Ich setze voraus, daß der Fahrer auch nur einen Funken Verstand besitzt. Spätestens die eingeschränkte Sicht wird einen verständigen Fahrer auf eine mit dem Uniroyal sichere Geschwindigkeit einbremsen.)
Schon bei der ersten Fahrt kam ich selbstverschuldet, weil etwas vor mich hinträumend, in eine potentiell gefährliche Situation: über die in diesem Bereich autobahnähnlich ausgebaute Bundesstraße lief in einer Kurve nach einem Starkregen quer zur Fahrtrichtung ein veritabler Bach. Gut, ich übertreibe etwas, aber es stand deutlich sichtbar das Wasser auf der Straße. Diese Gefahrstelle sah ich zu spät und rauschte mit den erlaubten 120km/h + Toleranz hinein. Der Wagen wurde durch das Wasser spürbar abgebremst; aber die Reifen schwammen nicht auf. Das Auto folgte absolut stabil der Spur, nicht der Hauch eines Aufschwimmens, eines Unter- oder Übersteuerns. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.
Während der Langstreckenpendelei Berlin-München habe ich natürlich auch den ein oder anderen Starkregen mitbekommen. Mit den Michelins, gleich ob den Energy Saver (+) des Schneewittchens oder den Pilot Exalto Veronicas hatte ich dann oft die Geschwindigkeit auf Lkw-Tempo reduziert, weil das Aufschwimmen deutlich spürbar war. Mit den Rain Expert konnte ich durch solche Wasserfilme unbeeindruckt hindurchfahren. Wenn ich die Geschwindigkeit reduzieren mußte, dann weil die Gischt die Sicht einschränkte, aber niemals, weil ich mich reifenbedingt unwohl gefühlt hätte.
Im Wasser ist dieser Reifen in seinem Element. Etwas vergleichbares habe ich noch nie zuvor erlebt, und ich habe in meinen mittlerweile über 700.000km Fahrpraxis viele verschiedene Reifen gefahren. Ganz großes Kino.

Verschleiß / Wirtschaftlichkeit.
Hier hatte ich beim Kauf leichte Bedenken. Schließlich wurde dem Reifen in der Presse neben der Trockenschwäche und dem Rollwiderstand auch unisono ein erhöhter Verschleiß attestiert. Ich hatte dem Michelin in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung eine Laufleistung von 60.000km unterstellt; um mit dem Uniroyal unterm Strich nicht teurer zu fahren müßte der Reifen unter Berücksichtigung seines Kaufpreises und der zusätzlichen Montagekosten mindestens 35.000km halten.

Wechselt man regelmäßig zwischen vorne und hinten (über Kreuz verbietet sich; die Reifen sind laufrichtungsgebunden), so erscheint das ohne Probleme machbar. Als Autobahnauto verschleißt Snövt die Reifen auf der linken Seite immer stärker (scharfe Kurven sind fast ausschließlich Rechtskurven in Autobahnkleeblattkreuzen oder Anschlußstellen); rechts war der Verschleiß daher erwartungsgemäß noch etwas geringer.
Auch hier gilt aber, was bereits beim Fahrverhalten geschrieben wurde: ich habe auf den Charakter des Reifens Rücksicht genommen und bin verhaltener um die Ecken gebügelt als ich es mit einem anderen, weniger schwammigen Reifen getan hätte. Ich weiß von einem Saabfahrer, der bei Fahrtrainings in Zolder zweimal in der Erwartung heftiger Niederschläge Uniroyals aufgezogen hatte. Beide Male erfüllte sich seine Hoffnung nicht, beide Male seien die Reifen nach einem Tag und ca 330km (!) vollkommen am Ende gewesen.

Außerhalb der Wertung: unbefestigte Straßen.
Auf unbefestigten Wegen bin ich den Reifen nur wenige Kilometer gefahren. Es waren aber einige geschotterte Wege dabei und einige komplett unbefestigte, die bei Regen durchaus schlammig und schmierig wurden. Der Uniroyal hat gegenüber allen bisher von mir gefahrenen Sommerreifen hier sehr deutliche Traktionsvorteile. Vom Profil her könnte er ja auch fast als AT durchgehen, insofern verwundert das kaum.
Besonders schön ist die sehr gute Seitenführung auf losem Untergrund. Mit den Michelins rutscht der 900 schon bei moderaten Geschwindigkeiten entweder geradeaus nach vorne durch oder kommt quer, oder beides direkt nacheinander. Um eine ehemalige beinahe-Nachbarin (vom anderen Ende des Eifeldorfes, aber so groß war das Dorf ja nicht…) zu zitieren: „understeer and oversteer and everything!“
Das macht zwar grundsätzlich Spaß, andererseits ist das Einfangen komplett ohne Grip auch alles andere als trivial. Die Energy Saver auf feinem Schotter fühlten sich teilweise wie auf Schneematsch an…
Der Uniroyal erweckt hier wesentlich mehr Vertrauen. Es ist allerdings zu erwarten, daß er aufgrund der weichen Gummimischung beim Einsatz auf Schotter im Zeitraffer verschleißen wird.

Fazit.
Das Bild, was sich direkt nach dem Kauf angedeutet hatte finde ich auch nach 15.000km bestätigt. Uniroyal kann nicht zaubern. Naßgrip erfordert eine weiche Gummimischung; Aquaplaningresistenz einen hohen Negativanteil des Profils. Der weiche Gummi verschleißt schneller und ein stark ausgeprägtes Profil bedeutet weniger Kontaktfläche, worunter Handling und Trockengrip zwangsläufig leiden müssen. Die sehr weiche Karkasse ist komfortabel, macht den Reifen aber auch schwammig und unpräzise. Man kann eben nicht alles haben.
Selten stimmten meine Erfahrungen mit einem Reifen so eindeutig mit dem überein, was man über den Charakter eines Reifens aus Reifentest herauslesen konnte – und wie der Hersteller ihn bewirbt. Das ist wirklich ein reinrassiger Regenreifen. Und zwar ein full wet, kein intermediate. Wasser auf der Straße kann er wirklich hervorragend, bei allem anderen ist er mau bis grottig.

Würde ich ihn wieder kaufen? Ich wäre fast einmal Jurist geworden und sage daher: es kommt darauf an. (Die Tatsache, daß es ihn nur noch in wenigen Größen gibt lassen wir jetzt mal außen vor.) Nicht für jedes Auto, und nicht für jedes Fahrprofil. Aber beim Schwedenvectra zum Beispiel hatte ich auch bewußt nach Uniroyals Ausschau gehalten – daß es dort letztendlich Michelin Primacy 3 wurden lag nur daran, daß ich die zu einem unerhört günstigen und nicht marktgerechten Preis bekommen konnte, so daß die Uniroyal RE oder RS 3 im Wirtschaftlichkeitskapitel hier definitiv nicht mehr mithalten konnten.
Der RainExpert ist definitiv kein Reifen, den ich jedem uneingeschränkt empfehlen würde. Für geschwindigkeitsbeschränkte Straßen in naßkalten Klimazonen fast perfekt; in Deutschland dagegen würde ich eine Empfehlung sehr vom Einsatzgebiet und dem Fahrstil abhängig machen. Einige werden den Reifen lieben, andere werden damit absolut nicht glücklich werden können. Das ist kein Einheitsbreireifen der alles irgendwie ganz brauchbar kann, nirgendwo brilliert aber auch keinem weh tut – das Ding hat extreme Stärken und genauso extreme Schwächen. Der Rain Expert ist eine herausragende Wahl für alle, die auch bei widrigstem Wetter Kilometer kloppen müssen und sicher ankommen wollen. Wer beim Autofahren aber Fahrspaß sucht oder gerne sehr schnell fährt, der möge bitte bloß die Finger von den noch vereinzelt angebotenen restlichen Exemplaren lassen.

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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Eine Antwort zu Reifenerfahrungen: Uniroyal Rain Expert

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