Das dritte Leben

Wie lange währt ein Autoleben?

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Photo: René Rollin

Wenn man die BMW-Bank fragt, 150.000km. Der durchschnittliche Autofahrer bekommt spätestens bei 200.000km kalte Füße. Aber wir sprechen ja von Saabs.
Schneewittchens erstes Leben dauerte knapp über 300.000km. 285.000 davon verbrachte sie beim erstkaufenden Zahnarzt, der sie vorbildlich pflegen ließ; dann kam sie in die Hände eines zwar netten Menschen, der jedoch nicht wirklich schrauben konnte beziehungsweise andere Menschen kannte, die das auch nicht immer konnten.
Am Ende ihres ersten Lebens war das arme Auto dann zwar immer noch substantiell ganz brauchbar, aber technisch ziemlich verpfriemelt und auch äußerlich recht abgerockt.
Genau das  – der „gerade richtige Grad an Abgerocktheit“ sollte ihm auch später zu filmischem Ruhm verhelfen. Aber zuerst mußte ich es kaufen. Das war recht simpel: Anzeige gesehen, 200km hingefahren, Auto gekauft, ein paar Tage später Auto abgeholt und zu HFT gestellt. Die lebenserhaltenden Sofortmaßnahmen eskalierten dann etwas.
Die von einem unbekannten Pfuscher verpfriemelte neue Kopfdichtung (wie schafft man es, eine Zylinderkopfschraube mit Torx-Kopf rundzudrehen?) mußte geradegebogen werden, es war ein falsches Drosselklappengehäuse verbaut und der Kat war auch zu klein. Das Fahrwerk war ausgelatscht und hatte neben neuer Buchsen und Stoßdämpfer auch weiteren Optimierungsbedarf – die frühen Turbos für den US-Markt wurden ohne Stabilisatoren ausgeliefert. Das macht das Geradeausfahren bei 55 Meilen recht komfortabel, aber für Mitteleuropa ist das nichts. Und dann, nach ich das grob das Dreifache des Kaufpreises bei HFT gelassen hatte, konnte ich endlich fahren.

Und fahren konnte das Auto. Kaum ein Kilometer ohne Grinsen im Gesicht. (Der Saab-smile schaffte es schließlich erst zu Top Gear und dann in die Werbung.) Daß alle Nasen lang irgend etwas kaputt ging (auf dem Blog zur Genüge nachzulesen) und das Auto dank gepökelter Straßen trotz regelmäßigem Flutens mit FluidFilm ungefähr dreiunddrölfzig mal geschweißt werden mußte: alles vergeben. Motorschaden aufgrund eines defekten Steuergerätes, Getriebeschaden mit elfmonatiger Wartezeit mangels Ersatzteilen, Lichtmaschine, Servolenkung, Bremssättel, usw, usf. Egal. Autos mit Charakter dürfen das.

Und dann stand Ende letzte Jahres die nächste Zäsur an. 300.000km vor mir, 300.000km mit mir. Nach 600.000km beginnt jetzt also das dritte Autoleben.

Eigentlich hatte ich ja etwas eindrucksvolleres geplant: eine Ladedruckanzeige am rechten Anschlag, und dann ein Durchbeschleunigen bis zur V-max, um die Nadel aus dem Kilometerzähler herauszubringen. Aber die V-max wurde schon durch die Winterreifen unterbunden, und das Durchbeschleunigen und Kilometerzähler freihalten durch die Baustelle mit Tempolimit, an das wir uns so grob halten mußten. (Ja, in Bayern gibt es Autobahnbaustellen mit 100er-Limit. Das ist nicht so wie wie in Neufünfland, wo man drei Warnbaken untätig an die Leitplanke stellt und dann eine Phantombaustelle mit 60er-Limit und Blitzmöglichkeit ausruft…).

Was wird das nächste Leben, was werden die nächsten 300.000km bringen? Auf jeden Fall eine zarte Damenhand. Meine bessere Hälfte hat neulich ihre Fahrerlaubnis erworben (und zuvor fleißig mit dem 900 geübt).
Damit hat sie jetzt das (fast) perfekte Auto zum Fahrenlernen. Sie hat aber auch schon, Ironie der Geschichte, ein Auge auf den 9-5 geworfen…

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Auf dem Idiotenhügel.

Wir werden sehen. Anders als das zum Verkauf stehende Plüschtier hat sich Schneewittchen ein dauerndes Bleiberecht erarbeitet ermobbt. Sie hat letzten Herbst nämlich ihren eigenen Verkauf – im Paket mit dem Plüschtier, und zu einem äußerst akzeptablen Kurs – recht intrigant durchkreuzt. Aber diese Geschichte erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Heute aber danke ich allen Beteiligten: HFT, der den Wagen die meiste Zeit in seiner Obhut und den größten Anteil an seiner Langlebigkeit hatte, Termi, der als erster Löcher flickte, Frank Trubendorffer, der sich seit dem Umzug nach München um ihn kümmert und gerade die planmäßige 600.00er-Inspektion durchführt, und nicht zu vergessen Michael Pinkowski, der mir bei mittlerweile schon vier Autos ungezählte Mal kurzfristig aus der Patsche geholfen hat… Danke Euch allen. Ohne Euch wäre das Saabfahren deutlich stressiger.

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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3 Antworten zu Das dritte Leben

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Nicht schlecht.

    Wenn ich überlege, daß mein scheckheftgepflegter Renault Laguna aus 1. Hand nicht mal ganz eine Viertelmillion (aktuell 244 tkm) hat und jede Menge Probleme macht. Nicht der Motor, sondern das Auto drumherum. Letztes Jahr stand die Kiste bestimmt 10 Wochen in der Werkstatt.

    • turboseize schreibt:

      Ich versuche, keine Autos mit so geringen Kilometerständen zu kaufen. (leider war ich damit in letzter Zeit nicht allzu erfolgreich, siehe Vectra und Plüschtier).
      Autos mit weniger als 300.000km auf dem Tacho sind mir suspekt. Siehe Vectra und Plüschtier… 😉

  2. Leichtmobile schreibt:

    Interessanter Blog den du hier aufgebaut hast! Bin durch Zufall hierauf gestoßen, eine wirklich coole Geschichte von deinem Saab. Das zeigt mal wieder, dass Autos mit viel liebevoller Pflege auch mehr als ein Leben überstehen können. Setzt aber auch unfallfreies Fahren voraus, sonst passt das vermutlich nicht so lange. 😉
    Besonders schön finde ich es wie du den Autos in deiner Garage Namen gibst… Meine Favoriten: Das Plüschtier,die Karotte und der Rentner… xD

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