Ohne Mängel? Wohl doch nicht! Was uns das Öl erzählt…

Vom Durchsicht, mängelfreiem TÜV und Ölwechsel hatte ich die Tage erst berichtet.
Auf den ersten und auch zweiten Blick stünde da jetzt ein wunderschönes Auto. Außergewöhnlich gute Karosseriesubstanz, charmante Patina, großartige Farbgebung und dazu noch wenig Kilometer. Der Traum eines jeden Käufers.

Blöd nur, daß der Kilometerstand mal so gar nichts über ein Auto aussagt. Denn der Vorvorbesitzerin ist es gelungen, dieses Auto binnen einer für einen Saab H-Motor lächerlich kurzen Wegstrecke vollkommen zu Grunde zu richten. Kurzstrecke und nachlässige Wartung. Der Tod eines jeden Motors. Lieber Leser, laß die Finger von Frauenautos. Die Biester kriegen alles kaputt. 😉

Rekapitulieren wir noch einmal den letzten Ölwechsel:

Nach nur 5000km (aber 13 Monaten) schon sichtbar verschmutztes Öl, eine komische schwarzbraune Haselnuß Flocke vor dem Ölfilter und stumpfes grauschwarzes Pulver, daß sich auf dem blanken Metall der Ölfiltergrundplatte niedergeschlagen hatte.

Mittlerweile habe ich das Ölfilter aufschneiden und photographieren können; auch das Ergebnis der Ölanalyse ist gerade eingetroffen.

Im Filtergehäuse Ölkohle und ein wenig Ölschlamm (ich hatte Schlimmeres befürchtet). Bei den Krümeln auf der Grundplatte handelt es sich leider nur zum Teil um die beim Öffnen des Filters unvermeidlichen Sägespäne. Das Rücklaufsperrventil ist zwar noch biegsam, aber schon recht steif und scheint während und nach der Winterruhe nicht mehr wirklich zuverlässig funktioniert zu haben – das war nach Kaltstarts deutlich hörbar. Seit dem Ölwechsel ist dahingehend jetzt wieder Ruhe.
Das Filterelement ist stärker verformt – ob das am viskoseren Öl lag oder am durch die Verschmutzung erhöhten Strömungswiderstand muß an dieser Stelle leider unbeantwortet bleiben. Zum Glück hatte ich die bisher obduzierten Filter als Referenz aufbewahrt. Wagen wir also die direkte Gegenüberstellung:


Ölglänzend ist natürlich kein fairer Vergleich möglich. Nach Kapillartrocknung (wie bei den anderen Filtern) aber ist es eindeutig, wieviel mehr Schmutz dieses Filter hat aufnehmen müssen, obwohl es nur grob die Hälfte der Kilometer des anderen Filters gefahren wurde.

Richtiggehend häßlich ist aber der Report des Labors.

Kalium ignorieren wir hier, das kommt vermutlich vom Bleiersatz. Der Rest aber spricht Bände.

Kalium ignorieren wir kurz (vermutlich Reste des bei jedem Tanken dazugegebenem Bleiersatzes). Erhöhte Verschleißmetalle hatte ich erwartet, sie schwarz auf weiß zu sehen ist aber dann doch nochmal besonders unangenehm.Für sich alleine ist diese einzelne Ölanalyse noch nicht besonders aussagekräftig (jedenfalls, wenn wir nicht nur den Zustand es Öles beurteilen, sondern auch Rückschlüsse auf den Motor ziehen wollen). Bei den gemessenen Metallen könnte es sich schlicht um Überbleibsel des Nockenwellen-, Zylinderkopf und Steuerkettenschadens handeln. Oder um Reste des davor entstandenen „normalen“ Verschleißes, der in die Ablagerungen eingebunden und jetzt wieder freigesetzt wurde. Es könnte aber auch sein, daß sich die Maschine gerade selber auffrißt. Eisen und Aluminium ließen sich aus dem behobenen Motorschaden erklären – die Nockenwelle läuft direkt im Leichtmetallzylinderkopf. Blei und Kupfer jedoch deuten auf Kurbelwellen- und/oder Pleuellager. Sollte es sich um aktuellen Verschleiß handeln, dann dürfte das 5w-50 mit seiner erhöhten HTHS-Viskosität jetzt etwas helfen.
Um herauszufinden, ob es sich bei dieser unschönen Ölanalyse um die Nachwehen des Vorschadens handelt oder ob sich dort ein weiterer Motorschaden ankündigt bleibt nur, bei den nächsten Ölwechseln weiter Ölproben zu nehmen um irgendwann einen Trend ablesen zu können. Sinken die Verschleißmetalle tendentiell ab, dann wird es sich überwiegend um freigesetzte Altlasten handeln, stagnieren sie oder steigen sie weiter an, dann gibt es wirklich ein Problem. (Man könnte auch prophylaktisch den Motor öffnen und nachsehen, aber das ist beim 900 bekanntlich etwas aufwendiger und scheitert an der überragenden Faulheit Aktivitätseffizienz des Verfassers.)
Für Alarmismus und Panik besteht kein Anlaß, wohl aber für etwas Vorsicht, verkürzte Ölwechselintervalle und ein wachsames Auge bzw. Ohr.

Als Schlußwort möchte ich wieder einmal (dem Verfasser ist bewußt, daß er sich bisweilen wie eine hängende Schallplatte anhören mag, jedoch: repetitio mater studiorum) darauf hinweisen, daß dem Kilometerstand beim Gebrauchtwagen oder Klassikerkauf KEINE übertriebene Bedeutung beigemessen werden darf. Stellen wir uns einmal vor, dieses Auto käme mit ungefähr 100.000km auf den Markt. Der Verkäufer stellt fest, daß das Öl ziemlich finster aussieht und macht noch schnell einen Ölwechsel, so daß es am Ölpeilstab schön goldig glänzt. Dann erzählt er einem potentiellen Käufer was von „Rentnerwagen, wohl von einer netten älteren Dame gefahren“ und schwärmt vom niedrigen Kilometerstand und dem unverbrauchten Fahrgefühl. Alle hätten ein gutes Gefühl – der Verkäufer hätte noch nicht einmal gelogen, und der Käufer freut sich, denn was soll bei dem lächerlichen Kilometerstand schon passieren. Dabei hat er gerade eine Zeitbombe erworben, die ihm auf den nächsten zehntausend Kilometern um die Ohren fliegen wird.
Das hat sich, als ich den Wagen erwarb, ausdrücklich NICHT so abgespielt (und auch, wer mir den Wagen irgendwann abkauft, wird schon im Vorfeld darauf hingeweisen, wo er die gesamte mir bekannte Geschichte des Autos nachlesen kann), aber alleine die Möglichkeit dieses gar nicht einmal unwahrscheinlichen Szenarios sollte auch den letzten Skeptiker davon überzeugen, daß der Kilometerstand alleine ziemlich nichtssagend ist. Das ist wie bei Menschen: wenn Ihr am Wochenende ausgeht, dann sucht Ihr Euch Eure Begleitungen doch auch nicht ausschließlich nach dem Geburtsdatum aus. Natürlich ist eine Zwanzigjährige im Durchschnitt knackiger als eine Vierzigjährige. Es gibt aber auch granatenscharfe Mitttvierzigerinnen und verbrauchte Unter-Dreißigjährige, bei denen noch nicht einmal das gnädigste Schummerlicht einer finsteren Spelunke den ungesunden Lebenswandel wegmogeln kann. (Leser mit von denen des Verfassers abweichenden Vorlieben ersetzen beim Visualisieren dieses Beispieles die betreffenden Personen durch solche mit dem für Sie passenden Chromosomensatz.) Und genauso ist das bei Autos: ich habe schon mehrfach Autos gesehen, die nach 400.000km noch wie Jahreswagen aussahen (und auch so fuhren), während andere nach noch nicht einmal 100.000km technisch wie optisch aufgebracht und reif zur Verwertung waren.

Schreibt’s Euch gefälligst hinter die Ohren: ein Auto kauft man ausschließlich nach Zustand! Als Indiz für ein „gutes“ Auto ist der prall gefüllte Leitzordner mit Wartungsnachsweisen deutlich ausagekräftiger als die Zahl, die mittig im Tacho steht. Solltet Ihr gelegentlich vor einem blendend hübschen Auto stehen und merken, wie ihr schwach werdet, denkt an das Plüschtier.

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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