Der schwedische Simulant. Erster Akt: die Vorahnung oder das Kindersanatorium der jugoslawischen Volksarmee

Seit einem mehrmonatigem beruflichem Aufenthalt in geraumer Vorzeit hat der Verfasser Eures Lieblingsblogs profunde Sympathien für den Westbalkan entwickelt. Daß seine Angetraute – wie anscheinend alle Frauen – Urlaub mit warmem Meer zu assozieren scheint und auch die Schwiegereltern froh sind, gelegentlich den nordrussischen Sümpfen entfliehen zu können, hat sich die Adria als familiengemeinsames Urlaubsziel etabliert. Die Einen planschen, der Andere spürt den architektonischen Spuren der sozialistischen* Moderne nach. So auch letzten Herbst. Vor die Ankunft jedoch haben die automobilen Götter die Reise gestellt, und davor die Abfahrt. Diese jedoch wäre schon fast ins Wasser gefallen.
Doch beginnen wir von vorne: Die älteren Herrschaften sicher in MUC gelandet und von der Tochter mit der S-Bahn nach Hause gebracht, der Schwiegersohn noch an der Universität. Spätnachmittags fährt er los, die Fahrt verläuft auch weitgehend ereignisarm (die autobahnüblichen Mittelspurschleiche, Ohne-Schulterblick-und-nichtblinkend-Spurwechsler und die Mit-vierzig-km/h-auf-die-Autobahnauffahrer-und-dann-ganz-nach-links-Zieher sind dank des auf 700.000km Fahrpraxis geschärften siebten Sinnes zum Glück meist nur noch Ärgernis und selten echte Gefahr). Fünf Kilometer vor der heimischen Haustür wird noch einmal vollgetankt – es soll ja am nächsten Morgen direkt nach Frühstück losgehen. Zu jedem Tankvorgang hat sich der Verfasser angewöhnt, unter die Haube zu schauen und einmal mit dem Luftdruckprüfer ums Auto zu laufen. Jeder Kraftfahrer kennt es: TD vor, während und nach der Benutzung.
Motoröl: da.
Getriebeöl: auch.
Wischauffasser auffüllen: gluck.
Kühlwasser: Moment mal.
Tatsächlich: da fehlt was. Der Ausgleichsbehälter ist fast leer.

Leichtes Unwohlsein macht sich breit. Dinge gehen immer dann kaputt, wenn man es gerade am wenigsten gebrauchen kann. Morgen früh stehen eine vollbeladene Alpen- und Karawankenquerung an, und die darauf folgende Tagesetappe an der Küste entlang wird auch den ein oder anderen längeren Anstieg beinhalten. Ein Kopfdichtungsschaden ist das Letzte, was man in dieser Situation gebrauchen kann. Nicht nur weil das am Vorabend einer Reise so furchtbar unpraktisch ist – sondern auch, weil man sich damit (sprich: mit dem Kaufen leicht abgeranzter Gebrauchtwagen zu Spottpreisen) vor dem stets neuwagenfahrenden Schwiegervater fürchterlich zu blamieren droht.
Darüber kann ich mir später aber noch Gedanken machen: zunächst brauche ich Kühlflüssigkeit. Wasser habe ich im Kofferraum, das ist schnell nachgefüllt. Es ist wirklich nur der Inhalt des Ausgleichsbehälters, der unterwegs verlustig gegangen ist. Durchatmen. Das Öl sieht auch gut aus, keinerlei Zeichen einer Emulsion. Vielleicht doch nur eine externe Undichtigkeit, ein alter Schlauch vielleicht, ein siffender Kühler oder nur der Ausgleichsbehälterdeckel? Hoffnung kommt auf, und der Entschluß: wir wagen es. Was soll mit der goldenen ADAC-Karte im Reisegepäck auch schlimmes passieren außer etwas Zeitverlust?
Zu große Risiken sind aber Sache des Verfassers nicht. Natürlich nehme ich Kühlflüssigkeit mit – sollte der Wagen weiter Flüssigkeit verlieren möchte ich etwas zum Nachfüllen dabei haben, um ans Ziel humpeln zu können (und da Kühlmittel nicht nur dem Frost- sondern auch dem Korrosionsschutz dient mag ich dann nicht mit purem Wasser fahren). Die Tankstelle ist gut sortiert und (für eine Tankstelle) preislich recht human. Dennoch stellt mich die Wahl des Kühlmittels vor leichte Probleme. Im Handbuch steht: „nur von SAAB freigegebene Kühlflüssigkeit verwenden“. Na toll. G48 wird es nicht sein, da nicht blaugrün. G12, G40, G30? Auf keinem Label taucht Saab auf. Na gut, Mut zur Lücke, nehmen wir G12. Ab nach Hause, Augen zu, Kaffee, Frühstück, Abfahrt.

Auch diese Fahrt verläuft ereignislos. Bei jeder Rast fliegt die Haube auf – der Kühlmittelstand bleibt unverändert. An der Schengengrenze zwischen Slowenien und Kroatien staut es sich etwas, kurz darauf sind wir in Opatija. Es ist furchtbar schwül, der leichte abendliche Seewind bleibt aus. Bevor ich mich vor der romantischen Uferpromenade im Meer abkühle prüfe ich erneut alle Flüssigkeiten: alles unverändert.

Der nächste Tag führt uns in gleißender Hitze die Küstenautobahn entlang nach Süden. Dann ein paar schöne Serpentinen, und schon sind wir in Brela. (Die Bilder bitte ich zu entschuldigen; ich hatte keine Kamera dabei, nur das Telephon.)

Während Natascha mit der Vermieterin spricht fällt mir der Einser Golf auf, den der Sohn der Vermieterin wohl verhätschelt. Tatsächlich findet man eine Menge alter Autos im Straßenbild – manche als Alltagsgurken, die nur dank der klimatischen Salzarmut noch leben, andere scheinen ganz bewußt erhalten zu werden, was mir natürlich sehr sympathisch ist.
Dann sehe ich den 9-5 durch: schon wieder fehlt nichts. Weder Öl noch Wasser. War ja klar, was zuhause im Regal liegt geht nie kaputt und was man an Bord hat braucht man nie. Trotzdem wird mich ab jetzt eine leichte Nervosität immer begleiten. Die nächsten Tage jedoch sind wir vor Allem zu Fuß unterwegs.

Fußläufig zwischen Brela und Makarska liegt Krvavica mit seiner Marina und einem Campingplatz. Zwischen den Baracken des Campingplatzes, die den Betrachter an ein Pionierlager erinnern, schwebt ein UFO.

Das UFO ist ein Sanatorium für lungenkranke Kinder von Angehörigen der jugoslawischen Streitkräfte. 1961 entwarf Rikard Marasovic diesen Ring auf Stelzen; von seiner Fertigstellung 1964 bis zum Ende der 80er Jahre wurde das Gebäude in dieser Funktion genutzt. In den Kriegen der 90er Jahre war es Flüchtlingsunterkunft, danach blieb es ungenutzt und verfällt seitdem. Als herausragendes Beispiel des „kritischen Regionalimus“ ist ihm ein wirkungsvolles denkmalpflegerisches Engagement zu wünschen; die Aussichten sind jedoch leider nicht die Besten.
Zu den Hintergründen und für weitere Photos empfehle ich Balkanist.net und kukumag.com.

Makarska selbst braucht man sich dagegen nicht geben – es sei denn, man steht auf Sauf- Partytourismus balearischer Prägung.

Auf der Rückreise nehmen wir noch Split mit, dessen mittelalterliche Altstadt in den Diokletianspalast hineingebaut wurde.

Das Über-, Unter- und Nebeneinander von antherthalbtausend Jahren würde sicherlich einen längeren Studienaufenthalt rechtfertigen; hier konnte ich mich jedoch leider nicht gegen die touristische Mehrheit der Fahrzeugbesatzung durchsetzen.

Erneut übernachten wir in Opatija; diesmal hegen und pflegen unsere Vermieter einen roten R4.
Am nächsten Abend in München angekommen sind alle Flüssigkeitsstände noch immer unverändert. Dennoch werde ich dieses blöde Gefühl auf den nächsten fünfunddreißigtausend Kilometern nicht mehr los werden.

* auch wenn den Betrachter angesichts der hedonistischen Ikonogrophie des ein oder anderen Musikvideos durchaus Zweifel an der ideologischen Ausrichtung der sozialistischen föderativen Republik überkommen mögen…

Advertisements

Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Automobiles, Bildliches abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s