Liebe Leute, kauft Winterreifen!

Nein, Ganzjahresreifen zählen nicht. Früher sagte man, die seien für Sommer und Winter gleich geeignet: nämlich für beides gar nicht.

So wird das auch diesen Winter wieder aussehen.

So wird das auch diesen Winter wieder aussehen.

Das ist, wenn man sich die Reifentests der letzten Jahre besieht, so nicht mehr immer richtig. Der ADAC hat neben Winter- auch wieder Ganzjahresreifen getestet. Von vier getesteten Reifen seien zwei „ausreichend“ und zwei „nicht empfehlenswert“. Schaut man sich den Test einmal genauer an stellt man fest, daß der einzige für mich dort in Frage kommende Reifen, der Uniroyal, wegen seiner Performance auf trockener Straße abgewertet wurde. (Im Gegensatz zu den Winterreifentests erfolgt die Trocken-Bewertung bei den Ganzjahresreifen zusammen mit den Sommerreifen. Macht ja auch Sinn.)
Der Uniroyal scheint mit Schnee und Eis leidlich brauchbar und von den gesteten Reifen am Besten klarzukommen. Er sieht ja auch aus wie ein Winterreifen. Aber seine Sommereigenschaften seien genauso mies wie bei echten Winterreifen, weshalb er eben vom ADAC gnadenlos auf das Ergebnis der Sommer-Disziplin abgewertet wurde. Da stellt sich dann die Frage, warum man nicht gleich einen Winterreifen kauft…

Aber ich schweife ab. Auch wenn es also mittlerweile einige wenige Ganzjahresreifen mit leidlich brauchbarer Winterleistungsfähigkeit zu geben scheint (die dann wie ein Winterreifen im Sommer versagen), so ist das doch bei weitem nicht üblich. Die meisten Ganzjahresreifen setzen ihren Schwerpunkt immer noch in den anderen drei Jahreszeiten, suggerieren aber, man könnte mit ihnen auch im Winter fahren. Völlig unabhängig von der M+S-Kennung sollte man das aber nicht tun.

In einer Diskussion auf Motor-Talk schreiben die Nutzer Taxidiesel

Ich wundere mich jedenfalls immer, wie man so gravierende Unterschiede feststellen kann, vielleicht hätte ich bisher einfach Glück oder ich merk einfach nix ?

und Tazio1935:

Das spricht für einen sensiblen Umgang mit Pedalerie und Lenkrad. Ein „eckiger“ Fahrstil offenbart sich auf unschöne Weise, wenn es bei Schnee und Glatteis wenig Grip gibt. Wenn man unter solchen Bedingungen oft über durchdrehende Räder und Rutschen zu klagen hat, muss das nicht unbedingt immer nur am falschen Reifen liegen.

Ja, da ist natürlich was dran. Ein guter Kraftfahrer macht schon eine Menge aus. Sieht man ja auch im Gelände. Wo der eine mit einem Geländewagen steckenbleibt fährt der andere mit einem Panda durch.
Allzu eckig kann mein Fahrstil aber nicht sein, sonst hätte ich mich bei den Kunststücken meiner wilden Jugend wesentlich öfter festgefahren… Und meinen Erfahrungen nach merkt man den Unterschied mehr als deutlich.

Es geht ja auch nicht nur ums durchkommen, es geht auch um das wie. Mag sein, daß man mit einem guten (wobei ich noch nie einen guten Ganzjahresreifen erfahren durfe) Ganzjahresreifen im Winter auch noch irgendwie durchkommt (mit dem Goodyear-ganzjahresbereiften Dienstfocus habe ich es ja damals auch irgendwie durch die Eifel geschafft), aber wo der Focus wie auf rohen Eiern gefahren werden mußte hatten meine Privatwagen mit Winterreifen anständigen Grip und waren lenk- und bremsbar. Und das lag sicher nicht am schlechten Fahrwerk des Focus (das ist somit das beste, was man in einem aktuellen Fronttriebler kaufen kann). Daß sich mein Fahrstil beim Umsteigen ins andere Auto komplett ändert, ich den Saab folglich sanft und den Focus eckig gefahren sei halte ich auch eher für unwahrscheinlich. Ich mag Autos. Und ich mag es, effizient zu fahren. Beschleunigen ist (im Alltag) doof. Dieser Fahrstil – entspanntes, vorausschauendes Gleiten – funktionierte in 90 und 900 in der verschneiten Eifel ganz hervorragend, im Focus dagegen hatte man immer das Gefühl, man rutscht gleich irgendwo gegen.

Klar, für einen direkten Vergleich müßte man dieselbe Strecke direkt hintereinander mit beiden Reifen fahren. Hab ich natürlich nicht gemacht. Nur mit beiden Autos – und fand den Unterschied bemerkenswert genug.

Turboseize empfielt: Michelin Alpin.

Turboseize empfielt: Michelin Alpin.

Das zweite, was mich an Ganzjahresreifen Reifen mit schlechten Wintereigenschaften nervt: sie wirken nicht nur auf den Fahrer und die Insassen des damit bereiften Wagens, sondern auch auf andere. Was hilft es, wenn man selber sicher unterwegs ist, wenn einem dann jemand anderes in die Karre oder über die Füße rutscht? Oder noch viel banaler: warum bricht in Berlin oder im Ruhrgebiet bei der ersten Schneeflocke der Verkehr völlig zusammen? Weil die Leute alle nicht Autofahren können? Oder weil es mit deren Ganzjahresreifen (gefühlt hat in den beiden Gegenden niemand echte Winterreifen) eben wirklich nicht schneller von der Ampel weggeht?

Ich hatte vor ein paar Jahren mal ein lustiges Erlebnis in Berlin. Ich war aus Norden über die kaum geräumte Stettiner Autobahn gekommen, hatte im (ungeräumten) Prenzlauer Berg einen Parkplatz gefunden und lief gerade zu Fuß zu meinem einige Häuserblöcke entfernten Ziel, als mich eine aparte, wenn auch leicht verzweifelt und verfroren wirkende junge Dame ansprach und um Hilfe bat. Ihr Kleinstwagen (Fiat Panda, Punto oder sowas in der Art) stecke auf seinem Parkplatz fest, sie bekomme den nicht aus der Parklücke heraus. Ob ich vielleicht schieben könnte?

Zum Schieben war ich selbstverständlich zu faul. Schlüssel geschnappt, kurzer Blick auf die Reifen – jawoll, Profil hat ’se reichlich, Blick auf den Schnee – drei oder vier Zentimeter waren es, dazu der unvermeidliche Hügel zwischen der Fahrbahn und den geparkten Autos. Das machste doch mit links dachte ich…
Nö. Keine Chance. Weder mit viel Gefühl im Kupplungspedal noch mit dem „Herausschaukeln“, wie ich es zu 123er-Zeiten auf nassen Wiesen regelmäßig üben mußte war da irgendwas zu machen. Schließlich habe ich doch geschoben. Zum Glück waren Auto und Dame sehr zierlich.

Aus lauter Dankbarkeit bestand sie darauf, mich bis zu meinem Ziel mitzunehmen. Gefühlte zwei Kilometer vor einer Kreuzung, die ich unmittelbar zuvor selber passiert hatte, bremste sie aus Schrittgeschwindigkeit an – und wir fuhren Schlitten. Wirklich beängstigend. Auf meine Frage „Du hast aber schon Winterreifen drauf?“ Kam ein strahlendes, „Klar, Ganzjahresreifen!“

Zum Glück konnte ich an der nächsten Ecke aussteigen. Da war mir plötzlich auch egal, wie charmant das Ding doch war. Aber plötzlich verstand ich, warum in Berlin im Winter nichts mehr geht.

Leute, kauft Winterreifen.

Disclaimer: nein, der Verfasser hält zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels keine Anteile an Michelin (prüft aber ein Investment). Hinter dem Lob stecken also (noch) keine Eigeninteressen – aber gute Reifen sind einfach eine feine Sache.

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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4 Antworten zu Liebe Leute, kauft Winterreifen!

  1. Christian schreibt:

    Dass sich Autofahrer vor allem in Großstädten für Ganzjahresreifen entscheiden, kann ich ja irgendwie nachvollziehen, auch wenn es sicherlich nicht die beste Lösung ist. In vielen Fällen hat man keine Einlagerungsmöglichkeiten und muss dafür Werkstätten beauftragen. Die günstigen Angebote liegen bei circa 10 Euro pro Reifen und Saison, wenn ich mich bei den Preisen recht erinnere. Dazu kommt dann meist natürlich noch das Wechseln, was auch gezahlt werden muss. Bei mir auf dem Land ist es so, dass relativ wenig Leute mit Ganzjahresreifen unterwegs sind, zumindest kenne ich niemand in meinem Bekanntenkreis. Meist werden die Reifen bequem in der Garage eingelagert und viele ziehen sie dann einfach selbst in der Einfahrt auf, wenn die neue Saison beginnt.

    • turboseize schreibt:

      Meine Saisonalreifen lagert meine Werkstatt und bei einer jahreszeitenwechselnahen Inspektion werden die einfach umgesteckt. Die Gebühr für’s einlagern geht im Grundrauschen der sonstigen Betriebskosten unter – das ist noch nichtmal ein halber Tank.

  2. Pingback: Plüschtierupdate: Osterausflug, Ganzjahresreifentest und Verbrauchsbetrachtungen | Schneewittchensaab

  3. Pingback: Winterreifen? Sommerreifen? Regenreifen! | Schneewittchensaab

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