2008 – heute: Dat Schneewittchen.

Blaß, schön, scheintot.

Dat Schneewittchen in Schweden.

Snövit i sverige

So stellte es sich im zumindest im Frühjahr 2008 dar, als ich wegen der allerorten aus dem Boden sprießenden Kommunistenzonen ein neues Auto brauchte. Der Sportunimog, ein 1984er 300d in Jahreswagenzustand, war plötzlich nutz- und wertlos geworden. Mein Winterauto, ein sehr gesunder Saab 90, ebenfalls.  Auch wenn ich es bis zum letzten Moment nicht für möglich gehalten habe – unsere Volks(ver)treter hatten tatsächlich die größte Enteignung seit der Bodenreform in der DDR  durchgezogen, ohne sich von der offensichtlichen Grundgesetzwidrigkeit auch nur ansatzweise beeindrucken zu lassen.

Ein Saab sollte es wieder sein. Mit der Diplomatentaxe hatte ich ja noch einen Mercedes, und schließlich wußte ich noch genau, wie lange ich meinen letzten Versuch der Saab-Abstinenz durchhalten konnte: drei Monate.
Ein Saab also. Mit Kat, der Kommunistenzonen wegen. Aber ein früher. Schrägschnauzer sind langweilig. Nein, häßlich. Beim 16S mag es ja noch angehen, aber ohne die Seitenplanken sehen die aufgedunsenen Stoßstangenwülste wie Geschwüre aus. Der schräge Kühlergrill verwässert das Design, Aggressivität weicht understatement. Hinzu kommt die Technik: ab dem zweiten Modelljahr haben die Autos Bremsen, die auch bremsen. Mit denen man den Wagen also auch aus Geschwindigkeiten über 180km/h noch zum stehen bekommt. Wie langweilig.
Hydraulische Motorlager senken das Geräuschniveau im Innenraum, verhindern das typische Dröhnen über 3000/min und zensieren auch sonst jede Lebensäußerung der Maschine, die sich sonst über Vibrationen in Lenkrad, Pedal, Bodenblech und Sitzfläche dem Fahrer ausführlichst mitzuteilen weiß. So etwas Weichgespültes kam nicht in Frage.
Also Geradschnauzer.
Und Turbo – die Saugmotoren sind im Saab 900 sterbenslangweilig, der 16V noch weitaus mehr als der 8V, und einen katalysierte Vergaser aufzutreiben, bei dem Rest des Autos nicht zum sofortigen Weglaufen animiert hätte, das hätte wohl Jahre gedauert.
Es mußte aber schnell gehen. Und billig.
Nach dem Fitnesstudio im Café an den Rechner gesetzt und die Suchmasken gefüttert. Mobile.de spuckte ein Inserat aus: 900 turbo 16, schlappe 300.000km gelaufen, Preis knapp vierstellig.
Ein Sedan. Auch das noch.  Dabei hatte ich mir doch geschworen, nur noch CCs zufahren. Mal von der stark verminderten Häßlichkeit abgesehen ist das dreitürige CombiCoupé bedeutend praktischer als eine Stufenhecklimousine.
250 Kilometer zu fahren. Zehn Minuten später saß ich im Auto, 8 Stunden später kam ich mit einem unterschriebenen Vertrag zurück.

Zum ersten Mal hatte ich sehenden Auges eine Grotte gekauft. Der Lack war stumpf, auf der Motorhaube eine kleine Delle. Steinschläge rundum. Das Fahrwerk leicht ausgelatscht, was aber keine Rolle spielte, denn der Wagen war in US-Spezifikation ausgeliefert worden – ohne Stabis. Der pfälzer Händler spekulierte wohl auf einen amerikanischen Offizier, gekauft hat den Wagen dann aber ein deutscher Zahnarzt. Seine beiden Nachfolger behandelten die Schwedin dann allerdings mit weniger Sorgfalt. Jemand hatte das originale hellblaue Plüsch durch schwarze Ledersitze ersetzt (nicht aber die blauen Teppiche getauscht). Der Dachhimmel löste sich auf, die Servolenkung war fertig, und im Kofferraum und den hinteren Radhäusern hatte die braune Pest ihr zerstörerisches Werk begonnen. Hinzu kam eklatanter Pfusch, der sich aber erst beim folgenden Werkstattaufenthalt in Gänze zeigte.
Aber: die Substanz der Karosserie war in Ordnung, das Getriebe schaltete annehmbar, und so ein b202 ist extrem zäh. Die Chancen standen gut, daß der Wagen die Mißhandlungen gut weggesteckt hatte.

Innerhalb der nächsten Monate gingen zusätzlich zur normalen Wartung eine neue Zylinderkopfdichtung, ein neuer Kat ( der sogenannte Klauskat, ein 200-Zeller Metallkat für Euro2), eine Fahrwerksrevision inklusive Optimierung (leichte Tieferlegung, Stabis, Bilstein-Dämpfer), eine Servolenkung, eine Windschutzscheibe, diverse kleinere Schweißarbeiten  und eine Hohlraumkonservierung von meinem Konto ab.
Klingt teuer?

War es auch. Aber nur absolut. Dat Schneewittchen hat sich als außerordentlich dankbar erwiesen. Seit dem Kauf sind jetzt 25 Monate vergangen. Der Kilometerzähler wird nächste Woche die 400.000 überschreiten. Probleme? Keine die man nicht lösen könnte. Pannen? Eine Reifenpanne und eine leere Batterie. Was davon ist dem Auto anzulasten? Genau, nichts.

Artgerechte Haltung: schwedisches Auto im schwedischen Winter

Artgerechte Haltung: schwedisches Auto in schwedischem Winter

Diesen Sommer wird es wieder teuer. Der Turbolader ist seit 10.000km fertig, das Turbinengehäuse ist gerissen. Der Salzwinter hat Verwüstungen angerichtet, es rostet aus jedem Steinschlag. Unter den Spiegeldreiecken und den Fensterschachtleisten kommt die braune Pest hervor, da heißt es dieses Jahr handeln, sonst wird es richtig teuer.

Zusammen mit dem Lader wird das abermal ein mehrfaches des Kaufpreises kosten. Einen ähnlichen Geldbetrag verbrennen neue Kleinwagen aber schon alleine durch die Erstanmeldung.

Nein, dat Schneewittchen ist jeden cent wert. Auf die nächsten 100.000! 
 
 
 
 
 

29 Antworten zu 2008 – heute: Dat Schneewittchen.

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  3. turboseize schreibt:

    Nach fünf Jahren und mehr als einer halben Million ist es Zeit für ein Update und eine Zwischenbilanz. Kurzform: „läuft!“. Zur Langform klicke man hier.

  4. Pingback: Marderschaden, die Zweite, oder: wie man zu einem Neuwagen kommt (und froh ist, ihn wieder loszuwerden) | Schneewittchensaab

  5. turboseize schreibt:

    Zweites Update:

    Das Ding macht mittlerweile Zicken. 497.000 Servolenkung, 511.000 Lichtmaschine, 520.000 mal wieder Kabelbaumflicken, 534.000 Getriebeschaden.
    Gibt halt keine Qualität mehr, nirgends! 😉

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