Vor 30 Jahren: 100.000km Dauervollgas in Talladega

Was verbindet ein kleines Industriestädtchen (mit Wasserfall) an der schwedischen Westküste mit einem noch kleineren Städtchen in Alabama? Nicht viel – außer ein paar Autos.

On october 7th, 1986, Saab took three unmodified production series 9000 turbos out for a spin around the track.

So nüchtern beginnt eines der schönsten Autofilmchens, das man im Netz finden kann. Eigentlich passiert nicht viel: Zur hypnotischen Musik aus Jeff Waynes Musicaladaption des H.G.-Wells-Klassikers Krieg der Welten fahren drei Autos im Kreis herum. Durch die sengende Sonne der Südstaaten, durch wolkenbruchartige Regengüsse… immer weiter, rund um die Uhr, 20 Tage lang. The chances of anything coming from Mars are a million to one, he said… Ganz so unwahrscheinlich wie eine Weltraumreise im Jahre 1899 erscheinen mußte war zwar nicht, was man jetzt vorhatte, aber ambitioniert war das Projekt dennoch. Drei serienmäßige Autos, 20 Tage und Nächte Vollgas.
Am Ende werden alle drei Wagen 100.000km zurückgelegt haben, der Schnellste mit einem Durchschnitt von 213,299km/h, die anderen Beiden erreichen immer noch 210 und 208km/h.

Daß ein Saab ein haltbares Auto ist und der b202 ein nahezu unzerstörbar haltbarer Motor wissen Saabfans. Aber vor 30 Jahren war der 9000 ein Auto wie von einem anderen Stern: vollgestopft mit modernster Technik, mit einem 16V-Turbomotor mit elektronischer Ladedruckregelung – zu einer Zeit, als andere Autos noch mit Vergasermotoren vom Band liefen und andere Hersteller für die gleiche Motorleistung gerne mal einen Liter Hubraum mehr benötigten. Man kann sich die Bedenken und Sprüche am Stammtisch gut vorstellen: das kann doch gar nicht halten, viel zu unzuverlässig, wenn da an der Elektronik mal was dran ist blickt da doch keiner mehr durch und und und … und so weiter und so fort.
Aber Saab wäre nicht Saab, wenn nicht irgendwann irgendjemand eine auf den ersten Blick leicht wahnsinnige Idee gehabt hätte – und die Firma das Projekt nicht einfach durchgezogen hätte.
Drei Autos unter Aufsicht der FIA aus der laufenden Produktion vom Band genommen, Überrollkäfig und Renngurte rein, Ersatzteile in den Kofferraum, fertig.
Ganz so einfach war es dann doch nicht; mußte doch erst eine brauchbare Strecke gefunden werden (Monza und Ehra-Lessien schieden früh aus) und dann in einem Vortest organisatorische Abläufe erprobt werden. Aber auf den Tag genau vor 30 Jahren war es dann soweit: die drei Saab 9000 turbos starten zu ihrem Höllenritt.

Während man das Video auf sich wirken läßt darf man zwei kleine Details im Hinterkopf behalten: Turbomotoren mögen kalte Luft – die Südstaaten sind nicht unbedingt dafür bekannt. Und die Durchschnittsgeschwindigkeiten beinhalten natürlich alle Boxenstops – zum Tanken, Ölwechseln und Reifenwechseln. Und zum Tausch der im Kofferraum mitgeführten Zylinderköpfe, denn ganz ohne Schäden ging es nicht ab. Nach 75.000km kam es zu Ventilschäden. (Das war erwartet worden und entsprach ziemlich genau der Auslegung – wann kämen im Alltag schon 75.000km Dauervollgas am Stück zusammen? Im Alltagsbetrieb beim Kunden sollte der Motor dann ewig halten – was er bekanntlich auch tut.) Wenn man bedenkt, daß diese Autos je nach Ausführung eine eingetragene Höchstgeschwindigkeit von nur 215 bis 220km/h haben und unter für Turbomotoren ungünstigen klimatischen Bedingungen über 100.000km einen Durchschnitt von mindestens 208km/h – einschließlich aller Stops – halten konnten, dann erscheint die Schwärmerei der Saabturbofahrer über ihre „alle nach oben streuenden“ Triebwerke gar nicht mehr abwegig.

Wer des Schwedischen mächtig ist findet bei den Saabveteranen Trollhättan einen umfangreichen Bericht über das gesamte Projekt: http://www.saabveteranernatrollhattan.com/Arkiv/Talladega.htm.

Auch das Saabmuseum startet eine Sonderausstellung. Zur Feier des Tages gibt es morgen freien Eintritt.

Die Kollegen vom Saabblog waren ebenfalls aktiv: Neben einer Artikelserie zum Thema haben sie auch einen Aufkleber aufgelegt, der über ihren webshop zu beziehen ist.

Zum Abschluß eine Anekdote aus Talladega. Der ein oder andere Saabfahrer oder zufällig lauschende mag sich schon immer gefragt haben, wovon denn die Rede sei, wenn andere Saabfahrer über „Vogelnester“ reden. Nun, „Vogelnester“ – das sind die Felgen mit dem offiziellen Namen „turbo 85“ und ihren Spitznamen bekamen sie in Talladega. Einer der Fahrer kam übermüdet bei der Einfahrt in die Boxengasse von der Strecke ab und machte einen kurzen Ausritt ins Gras. Als er in der Box ausstieg zog Erik Carlsson ein Grasbüschel aus einer der Felgen, klopfte dem Fahrer auf die Schulter und meinte aufmunternd: „Jungs, Ihr müßt schneller fahren. In Euren Felgen nisten schon die Vögel!“

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Über turboseize

Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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4 Antworten zu Vor 30 Jahren: 100.000km Dauervollgas in Talladega

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Ich erinnere mich noch an die Fernsehwerbung. Das war schon beeindruckend und ist es auch noch heute, wo manche KdF Golf nicht einmal im normalen Altag mit dem ersten Motor einen sechsstelligen Kilometerstand erreicht haben 😉

  2. Andreas schreibt:

    wurden die Motoren eigentlich beim Boxenstopp tatsächlich ausgeschaltet? warm- bzw. in diesem Höllenritt kalt-fahren des Turbos war so ja nicht wirklich möglich?!

    • turboseize schreibt:

      Warmlaufenlassen vor dem Start wäre ja möglich gewesen. Nachlaufen- oder durchlaufenlassen bei den Boxenstops eher unpraktisch, vor Allem bei den Ölwechseln. (Tanken würde theoretisch gehen, ich weiß aber nicht, was das reglement oder die Sicherheitsvorschriften an der Rennstrecke dazu sagen).
      Andererseits dürfte die Zeit, in der das Öl dann in den Lagern des Turboladers steht und schmort bevor es weitergeht auch recht gering gewesen sein. Länger als ein paar wenige Minuten dürften die wenigsten Stops gebraucht haben – selbst der Zylinderkopftausch als sich die Auslaßventile meldeten war in nur etwas mehr als einer halben Stunde erledigt. Die gesamte Zeit, die die Motoren dann „knallheiß standen“ und in der es zur Verkokung des Öls in den Lagern des Turbos kommen konnte dürfte also recht gering gewesen und gegenüber einem forsch gefahrerenen Alltagsfahrprofil zu vernachlässigen gewesen sein.

      • Andreas schreibt:

        ja, die zeitspanne ist sicherlich kurz gewesen. Aber da die Turbos durch das dauernde Vollgas doch quasi „geglüht“ haben müssen reichen doch auch wenige Sekunden um das Öl zum verkoken zu bringen, oder? Also ich hätte jetzt gedacht, dass die Zeitspanne hier eher unerheblich ist. Wenn der Motor aus ist und das Öl nicht mehr in Bewegung ist wird es doch quasi sofort an den heissen Bauteilen zu „kochen“ anfangen, und nicht erst nach ein paar Minuten?
        Aber wie auch immer, vielleicht ist das bei dem Test und der vergleichsweise „geringen“ Laufleistung mit wenigen Stopps (alle paar hundert kilometer zum tanken) auch nicht das Problemthema …

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