Vintage futures

Nein, es geht nicht um antike Papiere mit bestenfalls nostalgischem Wert, die man sich zu Dekorationszwecken an die Wand hängt. (Soll ja Leute geben, die sowas machen. Dabei gäbe es ja auch Saabkalender, die zum an-der-Wand-hängen besser geeignet scheinen.)
Nein, hier geht es tatsächlich um Terminkontrakte. Von Warentermingeschäften wird dem unerfahrenen Kleinanleger zurecht gerne abgeraten, schließlich können die Verluste den Einsatz weit übersteigen. Der außerbörsliche Handel ohne Clearingstelle bringt noch ein bisweilen erhebliches Kontrahentenrisiko hinzu. Wirklich nichts für Otto Normalverbrauchers Altersvorsorge. Aber wir wären hier nicht auf dem Turboseize-Blog, mangelte es hier an Erfahrung oder Entschlußkraft. Wer einen 9-5 fährt, der darf sich wahrlich risikotolerant nennen.

Ich habe also neulich ein Auto ungesehen gekauft (ohne eine Verwendung oder gar Platz dafür zu haben), und dann binnen eines Tages weiterverkauft – ebenfalls, ohne daß der Käufer oder ich den Wagen je gesehen hätten. Geliefert wurde am Folgetag. Ein echtes Warentermingeschäft. Vintage car futures, sozusagen.

Letztes Jahr fragte mich ein auch den Bloglesern geläufiger Bekannter, ob ich Interesse an einem Volvo 744 hätte. Grundsätzlich ja, schließlich handelt es sich beim 7er Volvo um eine Designikone, insbesondere als Vorfacelift mit den Legosteinrückleuchten, den Elektrogeräten von Dieter Rams im Rang durchaus vergleichbar.

Jan Wilsgaards große/grobe Linie kann man nicht besser machen. (Er selbst konnte es auch nicht. Der 9er Volvo wirkt zu plump.) Auch und vor Allem als Sedan. Der 740 war nämlich, anders als andere Autos, zuerst als Kombi, genauer gesagt als Shooting Brake gedacht; die Limousine war erst der zweite Gedanke. Das Management traute dem Kundengeschmack nicht und wollte auf die konservative Stufenheckkarosserie nicht verzichten. Die steile Heckscheibe des Shooting Brake einfach zur Rückbank vorzuziehen (und damit ein Kline-Fogleman-Tragflächenprofil zu bauen) hätten sich außer dem Team um Wilsgard wohl nur wenige getraut. Damit schufen sie, die sie eigentlich ein Vollheck bauen wollten, die Inkarnation und den Archetypus des Three-Box-Designs, das den Fahrzeugbau seit Erfindung der Knautschzone für fast ein halbes Jahrhundert geprägt hatte. Vergleichbar mutig waren wohl höchstens noch Fleischer/Dietel, als sie beim Wartburg die horrenden Spaltmaße zur Designlogik erhoben. Aber wir schweifen ab.

Das Funktionelle ist oft das Schöne. Man folgt den Gesetzen der Natur und macht die Dinge nicht komplizierter, als sie wirklich sind. Funktionelle und vernünftige Lösungen sind oft die attraktivsten.
– Jan Wilsgaard

Nein, eigentlich hatte ich überhaupt keine Verwendung für den Wagen noch Lust, mir einen weiteren Klotz ans Bein zu binden (ich erinnere daran, daß auch das Plüschtier weiterhin Ressourcen bindet und gerne gehen dürfte, fände sich ein angemessener Käufer). Die Sache geriet also in Vergessenheit. Bis ich eines Montags eine sms mit sinngemäß folgendem Inhalt erhielt: „Was ist eigentlich mit dem Volvo? Morgen muß er weg…“ Zwei Photos. Saugdiesel, Automatik, Erstbesitz, kein TÜV, Rost unbekannten Ausmaßes, Instrumente zicken, hängender Dachhimmel – das waren alle Informationen, die ich hatte. Es stand auch ein Preis im Raum, der weiteres Nachdenken unterband.
Also hatte ich plötzlich einen Volvo. Auf dem Papier, beziehungsweise rein telephonisch. Zwei Telephonate und einen Facebook-Post später war ich ihn wieder los. Auf dem Papier, beziehungsweise rein telephonisch. Zur Übergabe am Donnerstag war ich dann trotzdem anwesend – ein bißchen neugierig ist man ja doch.

Das Auto war dann doch besser als erwartet und alle Beteiligten mit dem Geschäft recht zufrieden. Bis auf mich. Denn meine Liste von Autos, die man man gehabt haben muß, ist jetzt um einen Eintrag reicher. Ich brauche auch einen 7er Volvo.

Disclaimer:
Der Verfasser hält u.A. Anteile an Royal Dutch Shell (ISIN GB00B03MLX29).

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Das Leben ist zu kurz für langweilige Autos.
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